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RB 10: Le catéchisme de Genève
Französisch der Reformationszeit
In gegenwärtigem Deutsch (nach der Version von 1545)
I. Vom Glauben (1-131)
Abschnitt 1
1 Lehrer: Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?
Schüler: Die Erkenntnis Gottes unseres Schöpfers.
2 L: Aus welchem Grund sagst du dies?
S: Er hat uns ja dazu geschaffen und in diese Welt gestellt, um in uns verherrlicht zu werden. So ist es nichts als recht und billig, dass unser Leben, dessen Ursprung er ist, wiederum seiner Verherrlichung diene.
3 L: Was ist nun das höchste Gut des Menschen?
S: Genau dasselbe.
4 L: Warum hältst du gerade die Gotteserkenntnis für das höchste Gut?
S: Wenn sie uns fehlt, sind wir trauriger dran als irgendein Tier.
5 L: Wir sehen daher also klar genug, dass dem Menschen nichts Schlimmeres zustossen kann, als gottlos zu leben.
S: So verhält es sich.
6 L: Welches ist nun aber die wahre und rechte Erkenntnis Gottes?
S: Diejenige, bei welcher ihm die angemessene und geschuldete Ehre erwiesen wird.
7 L: In welcher Weise wird er dann recht geehrt?
S: Wenn wir all unser Vertrauen auf ihn setzen, wenn wir uns bemühen, ihm mit unserem ganzen Leben zu dienen, indem wir seinem Willen gehorchen, wenn wir ihn in allen Nöten anrufen und unser Heil, und was wir sonst uns an Gutem nur wünschen können, bei ihm suchen, und endlich, indem wir mit Herz und Mund ihn als alleinigen Urheber alles Guten anerkennen.
Abschnitt 2
8 L: Damit all dies nun der Reihe nach behandelt und ausführlicher erklärt wird: Was ist nach deiner Einteilung der erste Hauptpunkt?
S: Dass wir unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen.
9 L: Wie geschieht dies?
S: Indem wir ihn als den Allmächtigen und vollkommenen Guten erkennen.
10 L: Genügt dies?
S: In keiner weise.
11 L: Aus welchem Grund?
S: Weil wir dessen nicht würdig sind, dass er uns mit seiner Macht zu Hilfe kommt und uns zu unserem Heil seine Güte erweist.
12 L: Was ist ausserdem nötig?
S: Jeder von uns muss fest daran glauben, dass er von Gott geliebt werde und Gott auch sein Vater und Urheber seines Heils sein wolle.
13 L: Woher nehmen wir diese Gewissheit?
S: Aus seinem eigenen Wort, in welchem er uns seine Barmherzigkeit in Christus vor Augen stellt und uns seine Liebe bezeugt.
14 L: Gott in Christus zu kennen, ist also Anfang und Grundlage dafür, dass wir unser Vertrauen auf Gott setzen können?
S: Ganz und gar.
15 L: Dann möchte ich gerne in wenigen Worten von dir hören, welches die Zusammenfassung dieser Gottesbekenntnis ist.
S: Sie findet sich im Bekenntnis des Glaubens, oder genauer in den Sätzen des Bekenntnisses, welches allen Christen gemeinsam ist. Es wird üblicherweise das Apostolische Glaubensbekenntnis genannt, weil es von Anfang der Kirche na immer unter allen Gläubigen in Geltung war, und weil es entweder direkt aus dem Munde der Apostel stammt oder aus ihren Schriften zuverlässig zusammengestellt worden ist.
16 L: Sage es auf.
S: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn: empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben; hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist: die heilige allgemeine christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Abschnitt 3
17 L: Zum gründlicheren Verständnis im Einzelnen: In wie viele Teile wollen wir dieses Bekenntnis unterteilen?
S: In vier Hauptteile.
18 L: Zähle sie mir auf.
S: Der erste betrifft Gott den Vater, der zweite handelt von seinem Sohn Jesus Christus und umfasst die ganze Wahrheit der menschlichen Erlösung. Der dritte handelt vom Heiligen Geist, der vierte von der Kirche und Gottes Wohltaten in ihr.
19 L: Wenn Gott nur einer ist: Warum nennst du mir hier dann drei, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist?
S: Weil es sich für uns so schickt, in dem einen Wesen Gottes den Vater als Anfang und Ursprung und erste Ursache aller Dinge zu betrachten, dann den Sohn, der dessen ewige Weisheit ist, und endlich den Heiligen Geist als dessen alles durchwirkende göttliche Kraft, die dennoch beständig in ihm selbst wohnt.
20 L: Du hältst es darum nicht für abwegig und nicht für eine Zerteilung Gottes, wenn wir in der einen Gottheit diese drei voneinander unterschiedenen Personen feststellen?
S: So ist es.
21 L: Sag nun den ersten Teil auf.
S: Ich glaube an Gott, den Vater: den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
22 L: Warum nennst du ihn Vater
S: Zuerst im Blick auf Christus, der sowohl dessen Weisheit ist, von ihm vor aller Zeit gezeugt, als auch in die Welt gesandt und als dessen Sohn offenbart worden ist. Da Gott der Vater Jesu Christi ist, schliessen wir daraus, er sei auch unser Vater.
23 L: In welchem Sinne gibst du ihm die Bezeichnung Allmächtiger?
S: Er besitzt diese Macht nicht so, dass er sie nicht ausübte, sondern hält alles selbst in seiner mächtigen Hand: durch seine Vorsehung regiert er die Welt, sein Wille ordnet alles: über alle Geschöpfe regiert er, wie es ihn gut dünkt.
24 L: Du stellst dir also nicht eine tatenlose Macht Gottes vor, sondern denkst sie so, dass er immer mit seiner Hand am Werk ist, so dass nichts ohne ihn und seinen Ratschluss geschieht?
S: So ist es.
Abschnitt 4
25 L: Warum fügst du bei den Schöpfer des Himmels und der Erde?
S: Weil er sich uns durch seine Werke offenbart hat, müssen wir ihn dort suchen. Sein Wesen kann unser Verstand nämlich nicht erfassen. Daher ist die Welt gleichsam ein Spiegel, in welchem wir ihn anschauen können, soweit es uns dienlich ist, ihn zu erkennen.
26 L: Verstehst du unter Himmel und Erde nicht auch alles übrige Geschaffene?
S: O doch; aber diese beiden Worte umfassen alle Dinge, da diese eben himmlisch oder irdisch sind.
27 L: Warum nennst du aber Gott lediglich Schöpfer, da es doch die weit grössere Tat ist, alles Erschaffene zu behüten und in seinem Bestand zu erhalten, als es einmal erschaffen zu haben?
S: Diese Bezeichnung bedeutet ja nicht etwa, Gott habe seine Werke einmal geschaffen und kümmere sich danach nicht mehr um sie. Vielmehr muss man es so ansehen, dass die einmal von ihm erschaffene Welt nun auch von ihm erhalten wird; die Erde und alle übrigen Dinge haben nur Bestand, sofern sie gleichsam von seiner mächtigen Hand aufrecht erhalten werden. Daraus, dass er alles in seiner Hand hat, geht dann auch hervor, dass er der oberste Herr und Lenker aller Dinge ist. Schöpfer des Himmels und der Erde muss man also dahingehend verstehen, dass er allein durch seine Weisheit, Güte und Macht den ganzen Lauf und die ganze Ordnung der Natur lenkt; er ist der Urheber von Regen, Dürre, Hagel und anderen Unwettern wie auch des heiteren Himmels; er macht durch sein Wohlwollen die Erde furchtbar und lässt sie wieder unfruchtbar werden, wenn er seine Hand zurückzieht; von ihm kommen Gesundheit und Krankheiten. Letztlich ist alles seiner Herrschaft unterworfen und folgt seinem Befehl.
28 L: Was sollen wir über die Gottlosen und Teufel denken? Sind auch sie ihm unterstellt?
S: Wenn er sie auch nicht durch seinen Geist lenkt, hält er sie doch mit seiner Macht wie an einem Zügel in seiner Gewalt, so dass sie sich nicht regen können, wenn er es ihnen nicht gestattet. Ja, er macht sie sogar zu Dienern seines Willens, so dass sie gezwungen sind, auch gegen ihren Willen und ihre Absicht das auszuführen, was er beschlossen hat.
29 L: Was nützt dir diese Erkenntnis?
S: Sehr viel. Es stünde schlimm um uns, wenn den Teufel und gottlosen Menschen ohne Gottes Willen irgendetwas erlaubt wäre. Bei dem Gedanken, ihrer Willkür ausgesetzt zu sein, müssten wir ja stets unruhigen Gemütes sein. Nur dann können wir ganz ruhig sein, wenn wir wissen, dass ihnen durch Gottes Willen Zügel angelegt und sie wie in einer Burg gefangen sind, so dass sie ohne seine Erlaubnis nichts tun können. So hat Gott selbst sich zu unserem Beschützer und Lenker unseres Heils gemacht.
Abschnitt 5
30 L: Kommen wir nun zum zweiten Teil.
S: Er spricht davon, dass wir an Jesus Christus glauben sollen, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn.
31 L: Was ist sein wichtigster Inhalt?
S: Dass Gottes Sohn unser Erretter ist, und die Erklärung, wie er uns vom Tode erlöst und uns das Leben erworben hat.
32 L: Was bedeutet der Name Jesus, bei dem du ihn nennst?
S: Der griechische Name bedeutet Retter. Im Lateinischen gibt es keinen Eigennamen, mit welchem diese Bedeutung gut wiedergegeben werden könnte. Daher hat sich dafür die Bezeichnung Erlöser eingebürgert. Zudem hat ein Engel auf Geheiss Gottes selbst dem Sohne Gottes diesen Namen gegeben.
33 L: Ist dies denn mehr, als wenn Menschen ihn so genannt hätten?
S: In jedem Fall. Denn wenn ihn Gott so genannt haben wollte, dann musste er dies auch in Wahrheit verkörpern.
34 L: Was bedeutet nun die folgende Bezeichnung Christus?
S: Mit diesem Titel wird sein Amt noch besser erklärt. Er bedeutet nämlich, vom Vater zum König, Priester und Propheten gesalbt zu sein.
35 L: Woher weisst du das?
S: Weil die Schrift diesen drei Tätigkeiten die Salbung zuordnet. Weiterhin schreibt sie diese drei, von denen die Rede ist, oft Christus zu.
36 L: Aber mit welcher Art Öl wurde er gesalbt?
S: Nicht mit einem sichtbaren, so wie es bei der Salbung der alten Könige, Priester und Propheten gebraucht wurde, sondern mit einem besseren, nämlich der Gnadengabe des Heiligen Geistes, welcher eigentliche Wahrheit jener äusseren Salbung ist.
37 L: Welcher Art ist nun sein Königtum, von dem du sprichst?
S: Es ist geistlich, weil es im Wort und Geist Gottes besteht, die Gerechtigkeit und Leben mit sich bringen.
38 L: Und das Priestertum?
S: Es ist die Pflicht und das Vorrecht, vor Gottes Angesicht zu treten, um Gnade zu erlangen und um seinen Zorn durch die Darbringung eines Opfers, das ihm genehm ist, zu stillen.
39 L: In welchem Sinn nennst du Christus nun Prophet?
S: Weil er bei seinem Kommen in die Welt sich bei den Menschen als Gottes Gesandter und Ausleger bekannt hat, und dies mit dem Ziel, den Willen des Vaters vollständig darzulegen und so alle Offenbarungen und Prophezeiungen zu vollenden.
Abschnitt 6
40 L: Ziehst du daraus irgendwelchen Nutzen?
S: O ja; denn all dies zielt ja auf nichts anderes ab als auf unser Bestes. Denn Christus ist vom Vater mit all dem begabt worden, um es uns mitzuteilen, damit wir alle aus seiner Fülle schöpfen.
41 L: Erkläre mir das etwas ausführlicher.
S: Er wurde vom Heiligen Geist erfüllt und mit der vollkommenen Fülle all seiner Gaben ausgestattet, damit er sie uns mitteile, jedem in dem Masse, welches der Vater für uns als zuträglich erkennt. Daher schöpfen wir aus ihm als der einzigen Quelle all unsere geistlichen Güter.
42 L: Was bringt uns sein Königsamt?
S: Durch seine Wohltat sind wir zu einem frommen und heiligen Leben in Freiheit der Gewissen befreit und mit seinen geistlichen Gütern versehen worden. So sind wir nun auch ausgerüstet mit der Kraft, die den Sieg über die stets vorhandenen Feinde unserer Seele – Sünde, Fleisch, Teufel und Welt – zu bringen vermag.
43 L: Wozu dient sein Priesteramt?
S: Zunächst ist er darin Mittler, dass er uns mit dem Vater versöhnt; dann darin, dass uns durch ihn der Zugang zum Vater eröffnet worden ist, damit wir voller Vertrauen vor sein Angesicht treten, um uns selbst und alles, was unser ist, ihm als Opfer darzubringen. So macht er uns gleichsam zu Teilhabern an seinem Priestertum.
44 L: Dann bleibt das Prophetenamt.
S: Das Amt eines Lehrers der Seinen wurde dem Sohne Gottes zu dem Zweck übertragen, dass er sie mit der wahren Erkenntnis des Vaters erleuchte, in der Wahrheit erziehe und zu vertrauten Schülern Gottes mache.
45 L: Alles, was du sagst, läuft also darauf hinaus, dass die Bezeichnung Christus diese drei Ämter umfasst, vom Vater dem Sohne gegeben, damit er deren Kraft und Nutzen den Seinen vermittle.
S: So ist es.
Abschnitt 7
46 L: Warum nennst du ihn Gottes eingeborenen Sohn, wenn Gott uns doch alle dieser Bezeichnung würdigt?
S: Wir sind nicht von Natur Gottes Kinder, sondern Gott setzt uns aus gnädiger Annahme an diesen Platz. Aber der Herr Jesus, der von Gott gezeugt und eins mit dem Wesen des Vaters ist, wird mit grösstem Recht Gottes einziger Sohn genannt, denn er allein ist es von Natur.
47 L: Du meinst also, dass ihm diese Würde eignet, weil sie ihm von Natur aus gebührt, uns aber wird sie als gnädige Wohltat gewährt, insofern wir seine Glieder sind.
S: Genau. Im Hinblick auf diese Übereignung wird er an anderer Stelle der Erstgeborene unter vielen Brüdern genannt.
48 L: Was bedeutet das Folgende?
S: Es zeigt, wie der Sohn vom Vater zu unserem Erlöser gesalbt worden ist, nämlich indem er unser Fleisch annahm und alles vollbrachte, was zu unserem Heil nötig war, so wie es hier geschildert wird.
49 L: Was meinst du mit den beiden Sätzen empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria?
S: Er wurde im Schoss der Jungfrau aus ihrem Wesen gebildet, damit er ein wahrer Nachkomme Davids sei, gemäss den Weissagungen der Propheten. Dies geschah indessen auf wunderbare und verborgene Weise durch die Kraft des Geistes ohne Verkehr mit einem Mann.
50 L: War es daher erforderlich, dass er unser Fleisch annahm?
S: Unbedingt. Der vom Menschen Gott gegenüber gegangene Ungehorsam musste auch in menschlicher Natur gesühnt werden. Auf andere Weise konnte er nicht unser Mittler werden, um die Versöhnung Gottes und der Menschen durchzuführen.
51 L: Du sagst also: Christus musste Mensch werden, um gleichsam in unserer Person zu erfüllen, was zu unserem Heil nötig war?
S: So sehe ich es. Denn von ihm müssen wir entlehnen, was uns fehlt; anders ist es nicht möglich.
52 L: Aber warum ist dies vom Heiligen Geist gewirkt und nicht vielmehr durch die übliche naturgemässe Zeugung?
S: Weil das menschliche Geschlecht völlig verdorben ist, musste für die Zeugung des Sohnes Gottes der Heilige Geist dazwischentreten, damit jener nicht davon angesteckt würde, sondern mit völliger Reinheit ausgestattet sei.
53 L: Wir lernen daraus also, dass er, der andere heiligt, frei von jeder Befleckung ist und von Mutterleib an mit ursprünglicher Reinheit ausgestattet, damit er Gott ganz heilig sei und mit keinem Fehler des menschlichen Geistes behaftet.
S: So verstehe ich es.
54 L: Inwiefern nennst du ihn unseren Herrn?
S: So wie er vom Vater eingesetzt worden ist, damit er über uns herrsche, Gottes Regiment im Himmel und auf Erden ausübe und das Haupt der Menschen und Engel sei.
Abschnitt 8
55 L: Warum gehst du nun von seiner Geburt gleich zu seinem Tode über und lässt die ganze Geschichte seines Lebens beiseite?
S: Weil hier nur das behandelt wird, was zum Eigentlichen unserer Erlösung gehört und deren Wesen gleichsam in sich enthält.
56 L: Warum sagst du nicht einfach mit einem Wort, er sei gestorben, sondern fügst noch den Namen des Statthalters ein, unter welchem er gelitten hat?
S: Dies geschieht nicht einfach um der Zuverlässigkeit des Berichteten willen, sondern damit wir wissen, dass sein Tod mit einer Verurteilung verbunden war.
57 L: Erkläre dies deutlicher.
S: Er ist gestorben, damit die von uns geforderte Strafe erledigt sei; und auf diese Weise hat er uns von ihr erlöst. Wir alle wären als Sünder Gottes Gericht verfallen, das er an unserer Stelle auf sich nahm. So wollte er vor einem irdischen Richter stehen und durch dessen und verurteilt werden, damit wir vor dem himmlischen Gericht Gottes freigesprochen würden.
58 L: Dennoch hat Pilatus ihn für unschuldig erklärt. Also ist er nicht als Übeltäter verurteilt worden.
S: Mann muss hier beides berücksichtigen. Der Richter hat ihm seine Unschuld in solcher Weise bezeugt, damit bestätigt ist, dass er nicht wegen seiner Übeltaten geschlagen wird, sondern wegen der unsrigen. Sein Spruch hat ihn dennoch in ordnungsgemässer Form verurteilt, damit deutlich würde: Das Urteil, das wir verdient haben, trifft ihn als unsern Bürgen, wodurch er uns von der Anklage befreit.
59 L: Gut gesagt. Wenn er nämlich ein Sünder wäre, könnte er kein geeigneter Bürge sein, um jemand anderen von Strafe zu befreien. Damit jedoch seine Verurteilung zu unserem Freispruch führte, musste er unter die Übeltäter gezählt werden.
S: So verstehe ich es.
Abschnitt 9
60 L: Bedeutet es mehr, dass er gekreuzigt wurde, als wenn ihn irgendeine andere Todesart getroffen hätte?
S: Ganz gewiss. Daran erinnert auch Paulus, wenn er über den ans Holz Gehängten schreibt, dass er unser Verfluchtsein auf sich nahm, damit wir davon erlöst würden. Jene Todesart war nämlich mit Fluch beladen.
61 L: Wie? Wird Gottes Sohn nicht mit Schande beladen, wenn man sagt, er sei dem Fluch unterworfen, auch vor Gott?
S: Überhaupt nicht. Er hat ihn vielmehr dadurch entkräftet, dass er ihn auf sich nahm, und blieb dabei gesegnet, um uns so mit seinem Segen zu überschütten.
62 L: Fahre fort.
S: Der Tod war dem Menschen als Strafe für seine Sünden auferlegt worden. Der Sohn Gottes aber hat ihn auf sich genommen und damit besiegt. Damit aber recht deutlich würde, dass er wirklich gestorben sei, wollte er wie andere Menschen im Grabe beigesetzt werden.
63 L: Dann scheint aber aus diesem Sieg für uns nichts von Nutzen hervorzugehen, ausser wir sterben.
S: Das ist wohl wahr. Aber so ist nun das Sterben der Gläubigen nichts anderes als ein Übergang in ein besseres Leben.
64 L: Daraus folgt, dass wir den Tod nicht weiterhin als etwas Grauenerregendes fürchten müssen, sondern unerschrockenen Gemütes unserem Anführer Christus folgen sollen: Weil er im Tode nicht zugrunde ging, wird er auch uns nicht zugrunde gehen lassen.
S: So sollen wir handeln.
Abschnitt 10
65 L: Welchen Sinn hat die Aussage hinabgestiegen in das Reich des Todes?
S: Er hat nicht nur den gewöhnlichen Tod, die Trennung der Seele vom Leib, erlitten, sondern auch die Schmerzen des Todes, wie Petrus sagte. Darunter verstehe ich die entsetzlichen Ängste, die seine Seele umschlangen.
66 L: Erläutere mir, wie und warum dies geschah.
S: Um für unsere Sünden Genugtuung zu leisten, stellte er sich vor Gottes Gericht; so musste er von jener Gewissensnot gequält werden, als wenn er von Gott verlassen wäre, ja, als hätte er Gott zum Feind. In jenen Ängsten schwebte er, als er zum Vater rief: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
67 L: War denn Gott erzürnt gegen ihn?
S: Überhaupt nicht. Aber er liess ihn diese Härte spüren, damit erfüllt würde, was durch Jesaja vorausgesagt worden war: Er war von Gottes Hand um unserer Sünden willen geschlagen und wegen unserer Missetaten verwundet.
68 L: Wenn er aber Gott ist, wie konnte er derart von Angst gepackt werden, als wäre er von Gott verlassen?
S: Das muss man so verstehen: nach seiner menschlichen Natur war er so geplagt und musste notwendigerweise dahin gebracht werden. Damit dies aber geschehen konnte, musste seine Gottheit sich unterdessen für kurze Zeit verbergen, das heisst, ihre Macht nicht ausüben.
69 L: Wie konnte es aber geschehen, dass Christus, das Heil der Welt, dieser Verdammung unterworfen worden ist?
S: Das geschah nicht so, dass sie dauernd auf ihm liegen sollte. Er wurde nicht derart von den genannten Ängsten ergriffen, dass er von ihnen überwältigt wurde; nein, er hat mit der Macht der Hölle gekämpft, sie unterworfen und gebrochen.
70 L: Daraus ersehen wir den Unterschied zwischen jener Gewissensqual, die er ertrug, und jener der von Gottes Zorn bestraften Sünder. Was bei ihm vorübergehend war, ist bei jenen immerwährend, und was bei ihm ein Stachel war, der ihn quälte, ist bei jenen sozusagen ein tödliches Schwert, das sie ins Herz trifft.
S: So ist es. Nicht einmal unter der last jener Nöte hat Gottes Sohn die Hoffnung auf den Vater aufgegeben. Aber die von Gottes Urteil verdammten Sünder stürzen in Verzweiflung, murren gegen ihn und brechen zuletzt in offene Lästerungen aus.
Abschnitt 11
71 L: Können wir daraus entnehmen, welchen Nutzen die Gläubigen aus Christi Tod empfangen?
S: Jawohl. Zuerst sehen wir darin das Opfer, wodurch er unsere Sünden vor Gott sühnte und so dessen Zorn besänftigte und uns mit ihm versöhnte. Dann ist sein Blut das Bad, wodurch unsere Seelen von allen Makeln gereinigt werden. Schliesslich tilgte er die Erinnerung an unsere Sünden, so dass sie nie mehr vor Gottes Angesicht auftauchen. Damit ist die Handschrift, die uns zu Angeklagten stempelte, durchgestrichen und vernichtet.
72 L: Haben wir davon noch weiteren Nutzen?
S: O ja. Denn insofern wir wahre Glieder Christi sind, wird durch seine Wohltat unser alter Mensch gekreuzigt und der Leib der Sünde enthoben, damit die schlechten Begierden des Fleisches nicht weiter in uns herrschen.
73 L: Gehe zum nächsten Punkt.
S: Es folgt am dritten Tage auferstanden von den Toten, wodurch er sich als Sieger über Sünde und Tod erwiesen hat. Durch seine Auferstehung ist der Tod verschlungen, sind die Fesseln des Teufels gesprengt und seine ganze Gewalt zunichte gemacht.
74 L: Auf wie viele Arten entsteht uns aus seiner Auferstehung Nutzen?
S: Auf drei Arten. Er hat uns durch sie Gerechtigkeit erworben; er ist für uns ein gewisses Pfand unserer künftigen Unsterblichkeit; und schon jetzt werden wir durch seine Kraft zu einem neuen Leben angetrieben, damit wir nach Gottes Willen rein und heilig leben sollen.
Abschnitt 12
75 L: Gehe zum nächsten Punkt
S: Aufgefahren in den Himmel.
76 L: Ist er aber so aufgefahren, dass er nicht weiterhin bei uns auf Erden ist?
S: Ja, Nachdem nun ja alles vollendet war, was ihm vom Vater zum Erwerb unseres Heils aufgetragen worden war, brauchte er nicht länger auf Erden zu weilen.
77 L: Was gewinnen wir Gutes aus dieser Himmelfahrt?
S: Sie bringt einen doppelten Nutzen. Weil nämlich Christus in unserem Namen in den Himmel eingegangen ist, so wie er auch um unseretwillen zur Erde herabstieg, hat er uns den Zugang dorthin geöffnet, so dass uns die Tür offensteht, die vorher wegen der Sünde geschlossen war. Darüber hinaus erscheint er vor Gottes Angesicht als unser Vermittler und Anwalt.
78 L: Aber hat sich Christus bei seiner Aufnahme in den Himmel nun so von uns zurückgezogen, dass er nicht mehr bei uns sein könnte?
S: Überhaupt nicht. Er hat im Gegenteil zugesagt, er werde bei uns sein bis ans Ende der Welt.
79 L: Ist dies als leibliche Gegenwart zu verstehen, dass er bei uns weilt?
S: Nein. Es muss unterschieden werden: sein Leib ist in den Himmel aufgenommen; seine Kraft hingegen ist überall ausgebreitet.
80 L: Wie verstehst du die Aussage er sitzt zur Rechten Gottes?
S: Diese Worte bedeuten, dass der Vater ihm die Herrschaft über Himmel und Erde übergeben hat, damit er alles lenke.
81 L: Was aber bedeutet die rechte Seite und dieses Sitzen?
S: Dies ist ein Vergleich mit weltlichen Herrschern, die jene zu ihrer Rechten zu setzen pflegen, welche sie mit ihrer Stellvertretung betrauen.
82 Du verstehst darunter also nichts anderes, als was Paulus sagt: Christus sei als Haupt der Kirche eingesetzt worden, über alle Herrscher erhöht und mit einem Namen versehen, der über allen Namen steht.
S: Es ist so, wie du sagst.
Abschnitt 13
83 L: Gehen wir weiter.
S: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten: Diese Worte bedeuten: So wie man ihn hat zum Himmel fahren sehen, wird er öffentlich aus dem Himmel wiederkommen, um den Erdkreis zu richten.
84 L: Der Tag des Gerichts wird aber erst am Ende der Welt kommen. Wie kannst du sagen, dass dann noch Menschen am Leben geblieben sind, wenn doch allen bestimmt ist, einmal zu sterben?
S: Paulus löst diese Schwierigkeit auf, wenn er sagt: Die Übriggebliebenen werden einer plötzlichen Verwandlung unterworfen. Ihr verwesliches Fleisch wird abgetan und sie ziehen Unverweslichkeit an.
85 L: Du setzt als jene Verwandlung mit dem Tode gleich: als zukünftiges Vergehen der alten Natur und Anfang einer neuen?
S: So verstehe ich es.
86 L: Können sich also unsere Gewissen irgendwie darüber freuen, dass Christus einmal der Richter der Welt sein wird?
S: Ganz besonders. Wir sind ja dessen gewiss, dass er nur zu unserem Heil kommen wird.
87 L: So braucht uns dieses Gericht also nicht zu schrecken und Angst einzujagen?
S: Nicht im Geringsten. Wir stehen ja nur vor dem Gericht dessen, der selbst unser Anwalt ist und uns alle miteinander in seinen Schutz genommen hat.
Abschnitt 14
88 L: Kommen wir zum dritten Teil.
S: Er spricht vom Glauben an den Heiligen Geist.
89 L: Was bringt er uns?
S: Er zielt darauf ab, dass wir erkennen: So wie Gott uns durch den Sohn erlöst und gerettet hat, gibt er uns nun durch den Geist Anteil an dieser Erlösung und diesem Heil.
90 L: Wie geschieht dies?
S: Da das Blut Christi unsere Reinigung bewirkt, müssen unsere Gewissen durch den Geist und damit besprengt und abgewaschen werden.
91 L: Dies bedarf noch einer genaueren Erläuterung.
S: Ich verstehe das so: Der Geist Gottes, der in unseren Herzen wohnt, bewirkt, dass wir die Kraft Christi fühlen. Dass wir Christi Wohltaten mit dem Verstand erfassen, wird von der Erleuchtung durch den Heiligen Geist bewirkt; seine Überzeugungskraft bewirkt, dass sie in unseren Herzen versiegelt werden. Er allein schafft dafür in uns Raum. Er bewirkt unsere Wiedergeburt und macht uns zu neuen Geschöpfen. Alle uns in Christus dargereichten Gaben empfangen wir also durch die Kraft des Geistes.
Abschnitt 15
92 L: Fahren wir fort.
S: Es folgt der vierte Teil, in welchem wir bekennen: Ich glaube eine, heilige, allgemeine christliche Kirche.
93 L: Was ist die Kirche?
S: Der Leib oder die Schar der Gläubigen, die Gott zum ewigen Leben auserwählt hat.
94 L: Muss man an diesen Artikel glauben?
S: Gewiss, wenn wir Christi Tod nicht unwirksam machen wollen und alles umsonst sein soll, was bisher dargelegt worden ist. Was daraus hervorgehen soll, ist allein die Kirche.
95 L: Wir haben also bis anhin von der Grundlegung unseres Heils geredet, und du verstehst die aufgezeigten Grundlagen so, dass du erklärst, Gott habe uns durch Christi Verdienst und Vermittlung in Liebe angenommen, und die Kraft des Heiligen Geistes bestätige in uns diese Gnade. Nun solle die Wirkung von alle dem erklärt werden, damit danach unser Glaube um so fester besteht.
S: So verhält es sich.
96 L: In welchem Sinn nennst du die Kirche heilig?
S: Weil Gott die von ihm Erwählten rechtfertigt und zur Heiligkeit und Unschuld des Lebens neugestaltet, damit in ihnen seine Herrlichkeit aufleuchte. Das wollte auch Paulus mit der Feststellung sagen, Christus habe die von ihm erlöste Kirche geheiligt, damit sie strahlend rein von jedem Makel sei.
97 L: Was soll die Bezeichnung allumfassend oder allgemein?
S: Damit lehren wir: So wie es nur ein Haupt der Gläubigen gibt, so müssen sie alle in einen Leib zusammenwachsen, damit es eine Kirche sei, die über den ganzen Erdkreis ausgebreitet ist und nicht viele.
98 L: Wozu wird nun noch beigefügt: Gemeinschaft der Heiligen?
S: Das soll verdeutlichen, dass unter den Gliedern der Kirche Einheit besteht. Es weist auch darauf hin: Was Gott der Kirche an Wohltaten spendet, soll allen gemeinsam zugute kommen, da sie alle untereinander Gemeinschaft haben.
Abschnitt 16
99 L: Ist denn diese Heiligkeit, die du der Kirche zuschreibst, schon vollkommen?
S: Noch nicht, weil sie eben noch in dieser Welt kämpft. Sie leidet immer unter Schwächen, und ist nie ganz von verbleibenden Übeln gereinigt, bis sie Christus, ihrem Haupt, von welchem sie geheiligt wird, vollkommen anhängt.
100 L: Kann man diese Kirche nicht auch anders erkennen als indem man sie glaubt?
S: Es gibt freilich auch die sichtbare Kirche Gottes, die er uns mit zuverlässigen Zeichen und Merkmalen beschrieben hat. Hier wird aber im Besonderen von jenem Kreis gesprochen, den Gott durch seine verborgene Erwählung zum Heil angenommen hat. Er ist nicht immer für die Augen sichtbar oder an Zeichen zu unterscheiden.
101 L: Was folgt dann?
S: Ich glaube die Vergebung der Sünden.
102 L: Was bedeutet für dich das Wort Vergebung?
S: Gott übt in seiner gnädigen Güte Nachsicht mit den Sünden der Gläubigen und verzeiht sie ihnen, damit sie nicht vor Gericht kommen oder von ihnen eine Strafe gefordert wird.
103 L: Daraus folgt, dass wir also mit eigenen Verdiensten niemals Genugtuung erbringen können, um von Gott einen Erlass der Sünden zu erlangen.
S: Jawohl. Nur Christus allein hat die Strafe bezahlt und damit völlige Genugtuung erbracht. Wir aber haben nichts, was wir Gott als Entgelt anbieten könnten. Wir empfangen diese Wohltat umsonst aus seiner uneingeschränkten Freigebigkeit.
104 L: Warum ordnest du die Vergebung der Sünden der Kirche zu?
S: Weil niemand sie erlang, der nicht vorher mit dem Volke Gottes vereinigt worden ist und die Einheit mit dem Leibe Christi beharrlich bis ans Ende bewahrt. Damit bezeugt er, ein wahres Glied der Kirche zu sein.
105 L: Damit stellst du fest, ausserhalb der Kirche gebe es nichts als Verdammung und Tod.
S: Jawohl. Wer sich vom Leib Christi trennt und dessen Einheit in Parteien spaltet, dem ist alle Hoffnung auf das Heil abgeschnitten, solange er in einer solchen Trennung verbleibt.
Abschnitt 17
106 L: Sag auf, was noch bleibt.
S: Ich glaube die Auferstehung der Toten und des ewige Leben.
107 L: Warum steht dieser Satz im Glaubensbekenntnis?
S: Er soll uns daran mahnen, dass unser Glück nicht auf dieser Erde liegt. Dies zu erkennen, hat einen doppelten Nutzen und Gewinn. Erstens sollen wir daraus lernen, in dieser Welt zu wohnen wie Fremde, die ständig an das Auswandern denken, und unsere Herzen nicht ins Trachten nach irdischen Dingen verstricken lassen. Weiter sollen wir nicht verzagen, weil die Frucht der Gnade, die uns Christus verschafft hat, und bis jetzt verborgen bleibt und für unsere Augen nicht sichtbar ist, sondern wir wollen geduldig ausharren bis zum Tag der Offenbarung.
108 L: Wie wird diese Auferstehung vor sich gehen?
S: Die, welche bereits verstorben sind, erhalten ihre Körper zurück, in welchen sie gelebt haben, aber mit einem neuen Wesen ausgestattet, das nicht länger der Vernichtung durch Tod und Verderben unterworfen ist. Die, welche noch am Leben sind, wird Gott durch eine plötzliche Verwandlung aufwecken.
109 L: Werden beide, die Frommen und die Gottlosen, auferstehen?
S: Es gibt eine gemeinsame Auferstehung; aber deren Geschick ist unterschiedlich. Die einen auferstehen zu Heil und Seligkeit, die anderen zu Tod und furchtbarstem Elend.
110 L: Warum ist hier nur vom ewigen Leben die Rede und nicht auch von der Hölle?
S: Weil hier nur das steht, was zum Trost der frommen Seelen dienen soll. Deswegen werden nur die Belohnungen erwähnt, welche Gott für seine Diener vorbereitet hat, und nicht angefügt, welches das Geschick der Gottlosen ist, die wie wir wissen, von Gottes Reich ausgeschlossen sind.
Abschnitt 18
111 L: Daraus erhalten wir also die Grundlage, auf welcher der Glaube beruhen soll. Daher wird es nun leicht wein, eine Beschreibung des wahren Glaubens zu geben.
S: So ist es. Wir können ihn so beschreiben: er ist eine gewisse und zuverlässige Erkenntnis von Gottes väterlichem Wohlwollen gegen uns, so wie er im Evangelium bezeugt, er sei durch Christi Wohltat unser Vater und Erlöser.
112 L: Erfassen wir ihn von uns aus, oder empfangen wir ihn vor Gott?
S: Die Schrift lehrt, dass er allein Gottes Gabe ist; und die Erfahrung bestätigt es.
113 L: Von welcher Erfahrung redest du?
S: Unser Geist ist zu roh, als dass er Gottes geistliche Weisheit erfassen könnte, die er uns durch den Glauben offenbart; und unsere Herzen könnte, die er uns durch den Glauben offenbart; und unsere Herzen neigen sich viel eher dem Unglauben zu oder dem verkehrten Vertrauen auf uns selbst oder andere Geschöpfe, statt aus eigenem Antrieb bei Gott Ruhe zu suchen. Der Heilige Geist erst macht uns durch seine Erleuchtung fähig, die Dinge zu erkennen, die sonst unsere Fassungskraft weit überstiegen. Er bringt uns zu einer festen Überzeugung, indem er die Heilsverheissungen in unseren Herzen versiegelt.
114 L: Was entsteht für uns Gutes aus diesem Glauben, wenn wir ihn einmal erlangt haben?
S: Er rechtfertigt uns vor Gott, und macht uns durch diese Gerechtigkeit zu Erben des ewigen Lebens.
115 L: Werden also die Menschen nicht durch gute Werke gerechtfertigt, indem sie danach trachten durch ein heiliges und schuldloses Leben Gottes Wohlgefallen zu erwerben?
S: Wenn ein Mensch es jemals zu solcher Vollkommenheit brächte, könnte er verdientermassen für gerecht erklärt werden. Aber da wir alle Sünder sind und auf vielfache Weise vor Gott angeklagt, müssen wir anderswoher die Würdigkeit zu erlangen suchen, die ihn uns wohlgesinnt sein lässt.
Abschnitt 19
116 L: Sind denn unsere Werke so verächtlich und ohne jeden Wert, dass sie uns keine Gnade vor Gott verschaffen können?
S: Was von uns ausgeht und im eigentlichen Sinn unser Tun genannt werden kann, ist von Grund auf sündhaft, daher bewirkt es nichts als Gottes Missfallen und wird von ihm verworfen.
117 L: Du sagst damit also: Solange wir nicht wiedergeboren und von Gottes Geist erneuert sind, können wir nur sündigen, weil eben ein schlechter Baum nur schlechte Früchte trägt?
S: Genau so ist es. Denn so schön unser Tun in den Augen der Menschen auch aussehen mag, es ist dessenungeachtet schlecht, solange das Herz böse ist: und darauf sieht Gott.
118 L: Damit stellst du fest, dass wir uns Gott mit keiner Art von Verdienst geneigt machen oder dadurch sein Wohlwollen hervorrufen können. Im Gegenteil, sofern wir versuchen, uns ihm irgendwie mit Werken zu nähern, unterliegen wir seinem Zorn und seiner Verdammung.
S: So meine ich es. Wie gesagt, er liebt uns in Christus aus lauter Barmherzigkeit und Gnade ohne Beachtung der Werke und nimmt uns so an; er überträgt auf uns dessen Gerechtigkeit, als sei es unsere eigene, rechnet uns aber unsere Sünden nicht an.
119 L: Auf welche Weise geht also nach deinem Urteil die Rechtfertigung durch den Glauben vor sich?
S: Wenn wir durch ein festes Vertrauen des Herzens die Verheissungen des Evangeliums ergreifen, gelangen wir gewissermassen in den Besitz der erwähnten Gerechtigkeit.
120 L: Du meinst also: Die Gerechtigkeit, welche uns im Evangelium von Gott angeboten wird, wird von uns durch den Glauben aufgenommen?
S: So ist es
Abschnitt 20
121 L: Wenn uns Gott nun aber einmal angenommen hat, gefallen ihm dann nicht auch die Werke, die wir unter der Leitung des Heiligen Geistes tun?
S: Sie gefallen ihm wohl, aber nicht wegen der Verdienstlichkeit ihres eigenen Wertes, sondern nur indem er sie grosszügig seiner Gunst wert erachtet.
122 L: Verdienen sie denn nicht seine Gunst, weil sie vom Heiligen Geist ausgehen?
S: Es ist eben immer irgendetwas Unrechtes damit verbunden, was von der Schwäche unseres Fleisches herrührt, wodurch sie verunreinigt werden.
123 L: Wie kann es dann dazu kommen, dass sie Gott gefallen?
S: Nur der Glaube verschafft ihnen Gnade: wenn wir uns auf die gewisse Zuversicht verlassen, sie würden nicht nach dem Massstab des höchsten Gesetzes geprüft; Gott wolle sie nicht nach der Strenge seiner Richtlinien behandeln, sondern ihre Fehler zudecken und ihren Schmutz in Christi Reinheit begraben und sie so ansehen, als ob sie vollendet und vollkommen wären.
124 L: Können wir daraus schliessen, ein von Gott berufener Christ könne durch Werke gerechtfertigt werden oder durch den Verdienst seiner Werke erreichen, dass Gott ihn liebt, was ja für uns ewiges Leben bedeutet?
S: Überhaupt nicht. Vielmehr halten wir am Wort der Bibel fest, kein Mensch könne vor Gott gerecht sein, und darum bitten wir, er möge nicht mit uns ins Gericht gehen.
125 L: Wir halten deswegen aber nicht etwa die guten Werke der Gläubigen für überflüssig?
S: O nein. Gott hat ihnen ja nicht umsonst ihren Lohn in dieser oder der zukünftigen Welt versprochen. Allerdings entspringt dieser Lohn der freien Liebe Gottes wie einer Quelle, weil er uns zunächst als seine Kinder angenommen und dann die Erinnerung an unsere Sünden, die von uns ausgehen, begraben hat und uns Gnade erweist.
126 L: Kann man aber die Gerechtigkeit aus Gnade so von den guten Werken trennen, dass man sie besitzt, aber die guten Werke fehlen?
S: Das ist nicht möglich. Denn wenn wir Christus so annehmen, wie er sich uns darbietet, dann verheisst er uns ja nicht bloss die Erlösung vom Tod und die Versöhnung mit Gott, sondern zugleich die Gabe des Heiligen Geistes, wodurch wir zu einem neuen Leben wiedergeboren werden. Beides gehört notwendig zusammen, wenn wir nicht Christus zerreissen wollen.
127 L: Daraus folgt, dass der Glaube die Wurzel ist, aus welcher die guten Werke herauswachsen, und keine Rede davon sein kann, dass er uns von ihnen abhielte.
S: Genau so ist es. Daher besteht das Evangelium in diesen beiden Stücken: Glauben und Busse.
Abschnitt 21
128 L: Was ist die Busse?
S: Missfallen und Hassen der Sünde und Liebe zur Gerechtigkeit, hervorgegangen aus der Furcht Gottes, was uns bis zur Selbstverleugnung und Abtötung des Fleisches hinführt, damit wir uns der Herrschaft Gottes unterstellen und alle Handlungen unseres Lebens nach dem Gehorsam gegen den göttlichen Willen ausrichten.
129 L: Dies wäre also der zweite Hauptpunkt gemäss der Einteilung, die wir am Anfang vorgenommen haben, wo du von der Art und Weise der rechten Gottesverehrung gesprochen hast.
S: Jawohl; und ebenso wurde auch dazu gesagt, die Regel einer wahren und rechtmässigen Gottesverehrung bestehe darin, dass wir seinen Willen befolgen.
130 L: Warum so?
S: Er billigt eben keine Verehrung, die wir uns selbst willkürlich ausdenken, sondern nur die, welche er uns nach seinem Willen vorgeschrieben hat.
131 L: Welche Regel hat er uns aber für unser Leben gegeben?
S: Sein Gesetz.
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II. Vom Gesetz (132-232)
132 L: Was enthält es?
S: Es besteht aus zwei Teilen. Der erste umfasst vier Gebote, der zweite sechs. So besteht das ganze Gesetz aus zehn Geboten.
133 L: Wer hat dieses Gesetz aufgestellt?
S: Gott selbst hat es, auf zwei Tafeln geschrieben, an Mose übergeben und oft erklärt, es sei in zehn Sätzen gefasst.
134 L: Was ist der Gegenstand der ersten Tafel?
S: Die Pflichten der Frömmigkeit gegenüber Gott.
135 L: Und der zweiten?
S: Wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen und was wir ihnen schuldig sind.
Abschnitt 22
136 L: Sag das erste Gebot auf.
S: Höre, Israel: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten, dem Sklavenhause, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
137 L: Nun erkläre mir den Sinn dieser Worte.
S: Als Anfang dienen sie gleichsam zur Einleitung für das ganze Gesetz. Denn wenn er sich Herr nennt, beansprucht er für sich das Recht und die Macht zum Befehlen. Um uns dann für sein Gesetz zu gewinnen, fügt er bei, er sei unser Gott. Diese Worte bedeuten so viel, als nennte er sich unseren Erretter. Wenn er uns derart seiner Wohltat würdigt, ist es angemessen, dass wir uns auch als ein ihm gehorsames Volk erweisen.
138 L: Bezieht sich aber das, was im Anschluss daran von der Befreiung gesagt wird und vom Brechen des Jochs der ägyptischen Knechtschaft, nicht auf das Volk Israel und nur darauf?
S: Im wörtlichen Sinne wohl. Es gibt aber eine andere Art von Erlösung, die sich auf alle Menschen ohne Unterschied erstreckt. Er hat uns alle nämlich aus der geistlichen Knechtschaft der Sünde und der Tyrannei des Teufels befreit.
139 L: Warum wollte er in der Einleitung zum Gesetz an diese Tat erinnern?
S: Er wollte uns daran gemahnen, dass wir uns der grössten Undankbarkeit schuldig machen würden, wenn wir uns nicht ganz und gar seinem Gehorsam widmeten.
140 L: Was wird also im ersten Gebot verlangt?
S: Wir sollen ihm allein umfassende Ehre erwiesen und nichts davon auf jemand anderen übertragen.
141 L: Welche Ehre gebührt ihm allein und darf niemand anderem erwiesen werden?
S: Alles, was zu seiner Hoheit gehört: ihn anbeten, in ihn unser Vertrauen setzen, ihn anrufen, ihm alles übergeben.
142 L: Warum ist die Wendung neben mir angefügt?
S: Weil nichts so entlegen ist, dass es ihm verborgen bleibe, und er die versteckten Gedanken erkennt und richtet; so verlangt er nicht nur eine äusserliche Ehrerbietung, sondern wahre Herzensfrömmigkeit.
Abschnitt 23
143 L: Gehen wir zum zweiten Gebot über.
S: Du sollst dir kein Bild machen noch irgend ein Abbild dessen, was oben im Himmel oder unten auf Erden oder in den Wassern unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.
144 L: Verbietet Gott damit nicht jede Art von Abbildung in Malerei oder Bildhauerei?
S: Nein, er verbietet hier nur zwei Dinge: Wir dürfen keine Bilder zur Darstellung Gottes oder zur Anbetung anfertigen.
145 L: Warum ist die sichtbare Darstellung Gottes nicht erlaubt?
S: Weil es keine Ähnlichkeit zwischen ihm als ewigem, unfassbarem Geist und einer körperlichen, vergänglichen und sterblichen Gestalt gibt.
146 L: Du betrachtest es also als Vergehen gegen seine Hoheit, wenn er auf dies Weise dargestellt wird?
S: Jawohl.
147 L: Welche Art Anbetung wird hier verdammt?
S: Dass wir uns als Beter an eine Statue oder ein Bild wenden, uns vor ihnen niederwerfen niederknien, oder ihm anderswie eine Ehre erweisen, so als zeigte sich Gott uns da.
148 L: Man muss also verstehen, dass mit diesem Gebot nicht einfach Malerei oder Bildhauerei an sich verdammt werden; es ist nur verboten, Bilder dazu herzustellen, um in ihnen Gott zu suchen oder zu dienen, oder, was dasselbe ist, sie anstelle Gottes zu verehren oder sie sonst auf irgend eine Weise zu Aberglauben und Götzendienst zu missbrauchen.
S: Richtig.
149 L: Was hat dieses Gebot nun für einen Sinn?
S: Zunächst hat Gott erklärt, er allein müsse verehrt und angebetet werden; jetzt zeigt er uns die rechte Gestalt der Anbetung, womit er uns von allem Aberglauben und anderen lasterhaften und fleischlichen Erfindungen wegruft.
Abschnitt 24
150 L: Fahren wir fort.
S: Er fügt eine Strafbestimmung an: er, der Herr, unser Gott, sei ein starker und eifersüchtiger Gott, der das Unrecht der Väter räche an den Kinder derer, die ihn hassen, bis in die dritte und vierte Generation.
151 L: Warum erwähnt er seine Stärke?
S: Mit diesem Wort weist er darauf hin, dass er über genügend Macht zur Wahrung seiner Ehre verfüge.
152 L: Was meint er mit der Eifersucht?
S: Er kann keine Gleichgestellten neben sich ertragen. Wie er sich uns in seiner unendlichen Güte geschenkt hat, so will er auch, dass wir ganz die Seinen sind. Darin besteht die Reinheit unserer Seelen, dass wir ihm geweiht sind und ganz anhangen; entsprechend heisst es dann von jenen, die von ihm zum Aberglauben abfallen, dass sie sich mit Ehebruch besudeln.
153 L: Was ist damit gemeint, dass die Sünden der Väter an den Kindern gerächt werden?
S: Es soll uns noch mehr in Schrecken versetzen, wenn er uns droht, nicht nur jene würden bestraft, die ihn beleidigen, sondern auch ihre Nachkommen seien verflucht.
154 L: Wie verträgt sich dies aber mit Gottes Gerechtigkeitssinn, jemanden für die Schuld eines andern zu bestrafen?
S: Wenn wir den Zustand des Menschengeschlechts beachten, so löst sich diese Frage. Von natur aus sind wir alle dem Fluch unterworfen, und wir können uns in keiner Weise bei Gott beklagen, wenn er uns diesem Schicksal überlässt. So wie er uns seine Liebe gegenüber den Frommen zeigt, indem er ihre Nachkommenschaft segnet, so vollzieht er seine Rache gegenüber den Gottlosen, indem er ihren Kindern diesen Segen entzieht.
155 L: Und das Folgende?
S: Damit zieht er uns auch durch seine liebevolle Zuneigung zu sich. Er verspricht, allen gegenüber Barmherzigkeit walten zu lassen, die ihn lieben und seine Gebote halten.
156 L: Heisst das also, dass die Unschuld eines frommen Menschen all seinen Nachkommen, auch den Gottlosen, das Heil verschafft?
S: O nein, sondern es bedeutet: Er erweist seinen Gläubigen gegenüber eine derartige Freundlichkeit, dass er ihnen zuliebe ihren Kindern sein Wohlwollen zeigt, indem er es ihnen nicht nur in diesem Leben gut gehen lässt, sondern sie auch heiligen will, damit sie zu seiner Herde gezählt werden können.
157 L: Aber dies gilt offenbar nicht auf die Dauer.
S: Allerdings. Gott behält sich eben die Freiheit vor, auch an den Kindern der Gottlosen nach seinem Gutdünken Barmherzigkeit zu üben. Er bindet also seine Gnade nicht derart an die Kinder der Gläubigen, dass er nicht nach seinem Urteil diejenigen, welche er will, vom Heil ausschliessen könnte. So richtet er es ein, dass diese Verheissung weder sinnlos noch trügerisch wird.
158 L: Warum erwähnt er hier tausend Generationen, in bezug auf die Strafe der Verdammung aber nur drei oder vier?
S: Damit zeigt er, dass er mehr zu Milde und Wohltun als zur Strenge neigt. So bezeugt er es ja auch anderswo, zum Verzeihen sei er schnell bereit, zögere aber mit seinem Zorn.
Abschnitt 25
159 L: Nun zum dritten Gebot!
S: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
160 L: Was bedeutet dies?
S: Gott verbietet den Missbrauch seines Namens, nicht nur durch einen Meineid, sondern auch durch einen unnötigen Eid.
161 L: Gibt es keinen berechtigten Gebrauch des Namens Gottes beim Schwören?
S: O doch, wenn es in gerechter Sache geschieht: erstens zur Bestätigung der Wahrheit, und dann, wenn es um eine Sache geht, wo ein Eid zur Wahrung der wechselseitigen Eintracht und Zuneigung unter den Menschen erforderlich ist.
162 L: Hat dieses Gebot nicht eine weitreichendere Bedeutung, als bloss Eide zu verhindern, die Gottes Namen entweihen oder seine Ehre herabsetzen?
S: Mit diesem einen Beispiel will er uns allgemein ermahnen, dass wir nie Gottes Namen unter uns aussprechen, ausser mit Ehrfurcht und Achtung und zum Zweck seiner Verherrlichung. Da er derart heilig ist, müssen wir uns auf jede Weise hüten, auch nur den Anschein seiner Verachtung zu erwecken oder anderen dazu Anlass zu geben.
163 L: Wie kann dieses Gebot erfüllt werden?
S: Wenn wir über Gott und seine Werke nie anders als nur zu seiner Ehre denken und reden.
164 L: Was folgt?
S: Eine Strafbestimmung, worin er ankündigt, er werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
165 L: Er hat doch bereits gesagt, er werde die Übertreter seines Gesetzes bestrafen; warum wird dies hier noch besonders festgehalten?
S: Er will uns dadurch anzeigen, wieviel ihm an der Ehre seines Namens liegt; wir sollen umso eifriger darum besorgt sein, wenn wir sehen, dass die Strafe für den Missbrauch bereitsteht.
Abschnitt 26
166 L: Kommen wir zum vierten Gebot.
S: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heilig haltest; sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun, der siebente Tag aber ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, weder du noch dein Knecht noch deine Magd, noch dein Ochse noch dein Esel noch der Fremde, der innerhalb deiner Tore wohnt. Denn in sechs Tagen hat Gott Himmel und Erde und Meer und was in ihnen ist vollendet und ruhte am siebenten Tag. Daher hat er den Sabbattag gesegnet und für sich geheiligt.
167 L: Befiehlt er also, sechs Tage zu arbeiten und am siebenten zu ruhen?
S: Nicht einfach so: vielmehr erlaubt er die Arbeit an sechs Tagen, nimmt aber den siebenten davon aus und bestimmt ihn zum Ruhen.
168 L: Verbietet er an diesem Tag jede Arbeit?
S: Dieses Gebot hat nur eine begrenzte und besondere Bedeutung. In bezug auf die Beachtung der Arbeitsruhe ist es ein Teil des Zeremonialgesetzes des Alten Bundes und somit durch das Kommen Christi ausser Kraft gesetzt.
169 L: Bezieht sich also dieses Gebot nur gerade auf die Juden und ist deshalb vergänglich gewesen?
S: Ja, soweit es die äusserliche Sitte betrifft.
170 L: Wie? Besteht es noch aus einem anderen Grund ausser der gebotenen Zeremonie?
S: Es wurde aus drei Gründen gegeben.
171 L: Nenne sie mir.
S: Als Abbild der geistlichen Ruhe, zur Bewahrung der kirchlichen Ordnung und zur Entlastung der Bediensteten.
172 L: Was verstehst du unter „geistlicher Ruhe“?
S: Wir sollen von unserem eigenen Werk ruhen, damit Gott seine Werke in uns wirken kann.
173 L: In welcher Weise vollzieht sich dieses Ruhen?
S: Indem wir unser Fleisch kreuzigen, d.h. auf unser eigenes Planen verzichten, um uns von Gottes Geist leiten zu lassen.
174 L: Genügt es, wenn wir dies am siebten Tag tun?
S: Es muss unaufhörlich geschehen. Womit wir einmal begonnen haben, das soll durch unser ganzes Leben hindurch weitergeführt werden.
175 L: Warum hat er einen bestimmten Tag mit dieser Bedeutung versehen?
S: Die Wahrheit braucht nicht notwendigerweise mit dem Abbild völlig übereinzustimmen; wenn nur genügend Übereinstimmung mit der gemeinten Sache vorhanden ist.
176 L: Warum hat er dann den siebenten Tag vorgeschrieben und einem anderen bevorzugt?
S: Diese Zahl bezeichnet in der Bibel die Vollendung. So eignet sie sich zur Angabe der Dauer und zeigt an, dass diese geistliche Ruhe nur ein Anfang in dieser Zeit ist und erst vollendet sein wird, wenn wir aus dieser Welt scheiden.
Abschnitt 27
177 L: Was beabsichtigt Gott aber mit seiner Mahnung, nach seinem Beispiel die Sabbatruhe zu halten?
S: Als er die Erschaffung der Welt in sieben Tagen vollendet hatte, weihte er den siebenten der Betrachtung seiner Werke. Um uns dazu noch mehr anzutreiben, hält er uns sein Beispiel vor. Es ist ja auch nichts erstrebenswerter, als dass wir uns nach seinem Bild gestalten lassen.
178 L: Soll man aber Gottes Werke nicht ständig betrachten, oder genügt es, dass einer von sieben Tagen dazu bestimmt ist?
S: Wir sollen uns gewiss täglich damit befassen. Aber wegen unserer Schwachheit ist ein Tag besonders dazu festgesetzt. Dies ist die Ordnung, welche ich erwähnt habe.
179 L: Welche Ordnung muss also an diesem Tag eingehalten werden?
S: Das Volk soll zusammenkommen, um die Lehre Christi zu hören, sich an den öffentlichen Gebeten zu beteiligen und seinen Glauben zu bekennen.
180 L: Erkläre mir jetzt die Aussage, Gott habe mit diesem Gebot auch zur Erleichterung des Loses der Dienstboten Vorsorge tragen wollen.
S: Es soll damit allen Untergebenen eine Erholung gewährt werden. Dies dient ja auch zur Wahrung der allgemeinen Ordnung. Wenn ein Tag als Ruhetag bestimmt ist, gewöhnt sich jeder daran, in der übrigen Zeit der Arbeit nachzugehen.
181 L: Nun wollen wir sehen, inwiefern dieses Gebot für uns gilt.
S: Als Zeremonialgesetz ist es abgeschafft, weil sein eigentliches Wesen in Christus hervorgetreten ist.
182 L: Inwiefern?
S: Weil durch die Kraft seines Todes unser alter Mensch gekreuzigt ist und wir zu einem neuen Leben auferweckt werden.
183 L: Was gilt an diesem Gebot dann noch für uns?
S: Wir sollen die heiligen Satzungen, die zur geistlichen Ordnung der Kirche dienen, nicht verachten, und vor allem die Gottesdienste besuchen, um das Wort Gottes zu hören, die Sakramente zu feiern und die gemeinsamen Gebete zu halten, alles nach den entsprechenden Ordnungen.
184 L: Und als Gleichnis hat uns das Gebot nichts mehr zu sagen?
S: O doch. Es muss nur auf seine eigentliche Wahrheit zurückgeführt werden: Da wir in den Leib Christi eingefügt und zu seinen Gliedern gemacht worden sind, sollen wir von unserem eigensinnigen Handeln ablassen und uns ganz Gottes Führung übergeben.
Abschnitt 28
185 L: Gehen wir zur zweiten Tafel über.
S: Sie beginnt mit: Ehre Vater und Mutter.
186 L: Was verstehst du hier unter ehren?
S: Die Kinder sollen den Eltern mit Bescheidenheit und Unterordnung zu Willen sein und gehorchen, sich mit Ehrerbietung um sie kümmern, wo nötig helfen und Arbeit und Mühe für sie aufwenden. In diesen drei Teilen ist enthalten, welche Ehre man den Eltern schuldet.
187 L: Fahre fort.
S: Dem Gebot ist eine Verheissung angefügt: damit du lange lebest in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir geben wird.
188 L: Was bedeutet dies?
S: Wer den Eltern die geschuldete Ehre erweist, wird durch Gottes Wohlwollen lange leben.
189 L: Dieses Leben ist aber doch voller Leiden. Warum verspricht uns Gott dann dessen lange Dauer als eine Wohltat?
S: Von wieviel Elend dieses Leben auch geprägt sein mag, so ist es doch ein Segen Gottes für die Gläubigen, und sei es auch nur deswegen, dass es ein Erweis seiner väterlichen Zuneigung ist, wenn er uns hier nährt und bewahrt.
190 L: Folgt daraus umgekehrt, dass von Gott verflucht ist, wer bald und ohne lange Lebenszeit aus dieser Welt gerissen wird?
S: Ganz und gar nicht. Vielmehr geschieht es manchmal, dass Gott, je mehr er jemanden liebt, ihn auch umso schneller aus diesem Leben herausnimmt.
191 L: Aber wenn Gott so handelt, wie hält er dann seine Verheissung ein?
S: Wenn uns Gott irdische Güter verheisst, so nur unter der Bedingung: soweit es zum Guten und zum Heil unserer Seele dient. Es wäre wahrhaftig eine Umkehrung aller Ordnung, wenn nicht die Rücksicht auf die Seele zuvorderst stünde.
192 L: Was geschieht mit denen, die sich den Eltern widersetzt haben?
S: Sie werden nicht nur beim Jüngsten Gericht bestraft, sondern Gott wird dies auch im irdischen Dasein rächen, sei es, indem er sie in der Blüte ihres Lebens dahinrafft, einen schmählichen Tod erleiden lässt oder auf andere Weise.
193 L: Wird in dieser Verheissung aber nicht wörtlich vom Land Kanaan gesprochen?
S: Doch, soweit es die Israeliten betrifft. Aber für uns hat dieses Wort eine umfassendere Bedeutung und muss dahin ausgedehnt werden. Welches Land wir auch bewohnen mögen, Gott sichert uns dessen Besitz zu, dass die ganze Erde Gottes ist.
194 L: Gilt dieses Gebot in keiner anderen Weise?
S: Obschon es nur von Vater und Mutter spricht, sind darunter alle Vorgesetzten zu verstehen, da von ihnen dasselbe gilt.
195 L: Was denn?
S: Gott hat sie in eine höhere Stellung erhoben. Es gibt keine Vollmacht, keine Herrschergewalt, kein Ehrenamt, sei es der Eltern, der Fürsten oder Amtsinhaber, ausser durch Gottes Beschluss, weil es sein Wille ist, die Welt so zu ordnen.
Abschnitt 29
196 L: Sag das sechste Gebot auf.
S: Du sollst nicht töten.
197 L: Verbietet es nichts anderes, als Mordtaten auszuführen?
S: O doch. Wenn Gott hier spricht, stellt er nicht nur ein Gesetz für die äusserlichen Taten auf, sondern auch für die Regungen der Seele, und für diese sogar am vordringlichsten.
198 L: Du willst offenbar darauf hinweisen, es gebe eine Art von verborgenem Morden, von dem Gott uns hier wegruft?
S: So ist es. Zorn und Hass und alle Lust, jemandem zu schaden, gelten vor Gott als Mord.
199 L: Wenn wir niemanden mit Hass verfolgen, haben wir das Gebot dann hinreichend erfüllt?
S: Überhaupt nicht. Wenn Gott den Hass verdammt und uns von jeder schädlichen Tat, wodurch unser Nächster verletzt wird, zurückhält, so zeigt er damit zugleich seine Forderung, dass wir alle Menschen von Herzen lieben und sorgfältig darauf achten sollen, sie zu beschützen und zu wahren.
200 L: Nun zum siebenten Gebot.
S: Du sollst nicht ehebrechen.
201 L: Erläutere dessen Inhalt.
S: Alle Unzucht ist von Gott verflucht. Wenn wir darum nicht Gottes Zorn auf uns herabrufen wollen, sollen wir uns von ihr peinlich fernhalten.
202 L: Fordert er nichts weiter?
S: Man muss immer die Natur des Gesetzgebers beachten, von dem wir gesagt haben, er wolle sich nicht nur mit den äusseren Taten befassen, sondern ziele noch mehr auf die Regung der Seele.
203 L: Was umfasst es also noch weiter?
S: Da sowohl unsere Körper wie auch unsere Seelen Tempel des Heiligen Geistes sind, sollen beide rein und keusch erhalten werden. Wir sollen uns nicht nur ehrbar von äusserer Lasterhaftigkeit frei halten, sondern auch im Herzen, in Worten, Gebärden und Bewegungen. Also soll der Körper frei sein von allen Ausschweifungen, die Seele frei von aller Begierde, damit nichts an uns von schamlosem Schmutz besudelt sei.
Abschnitt 30
204 L: Kommen wir zum achten Gebot.
S: Du sollst nicht stehlen.205 L: Wird damit nur der Diebstahl verboten, der durch das menschliche Gesetz bestraft wird, oder erstreckt sich das Gebot noch auf anderes?
S: Es umfasst unter dem Begriff des Diebstahls alle bösen Mittel von Betrug und List, mit welchen wir nach fremden Gütern trachten. Hier wird uns daher sowohl verboten, uns mit Gewalt der Güter unserer Nächsten zu bemächtigen, wie auch mit Schlauheit und Hinterlist von ihnen Besitz zu ergreifen oder sie uns mit irgendwelchen anderen unrechten Unternehmungen anzueignen suchen.
206 L: Genügt es, sich nicht die Hände mit solch übler Tat zu beschmutzen, oder wird auch hier das Begehren verdammt?
S: Man muss immer wieder darauf zurückkommen: Wenn der Gesetzgeber geistlicher Art ist, so will er nicht nur den äusserlichen Diebstahl eindämmen, sondern auch alle Pläne und Bemühungen, die allgemein andern zum Nachteil gereichen, und als erstes das Begehren. Wir sollen uns nicht zum Schaden unserer Nächsten bereichern wollen.
207 L: Was sollen wir also tun, um diesem Gebot zu gehorchen?
S: Wir sollen uns darum bemühen, dass jedem das Seine erhalten bleibt.
208 L: Wie heisst das neunte Gebot?
S: Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
209 L: Verbietet es nur falsche Eide vor Gericht, oder überhaupt jede unwahre Aussage über unsere Nächsten?
S: Mit einem Beispiel wird eine allgemein gültige Lehre erfasst, nämlich die, unsere Nächsten nicht mit Unwahrheiten zu verleumden, damit wir nicht durch unser Schmähen und Herabsetzen ihrem Ruf oder ihrem Besitz irgendwie schaden.
210 L: Warum wird aber ausdrücklich der öffentliche Meineid genannt?
S: So soll die Abschreckung vor dieser Schandtat umso grösser sein. Gott gibt uns nämlich zu verstehen: Wer gewohnt ist, andere zu schmähen und zu verleumden, ist dann auch bald soweit, in einen Meineid zu verfallen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, den Nächsten anzuschwärzen.
211 L: Will Gott uns nur von übler Nachrede fernhalten oder auch von üblen Verdächtigungen und ungerechten falschen Meinungen?
S: Beides wird hier aus dem schon angeführten Grunde verdammt. Was als Tat den Menschen gegenüber schlecht ist, ist vor Gott auch schon als Absicht schlecht.
212 L: Erkläre also, was der Hauptsinn dieses Gebotes ist.
S: Es verbietet uns, dazu zu neigen, von unserem Nächsten schlecht zu denken oder sie zu verleumden, und befehlt uns vielmehr, in Gerechtigkeit und Freundlichkeit von ihm Gutes zu halten, soweit es die Wahrheit erlaubt, und sich zu bemühen, seinen guten Ruf unverletzt zu bewahren.
Abschnitt 31
213 L: Sage das letzte Gebot auf.
S: Du sollst das Haus deines Nächsten nicht begehren; du sollst die Frau deines Nächsten nicht begehren; nicht seinen Knecht, noch seine Magd noch seinen Ochsen noch seine n Esel noch irgendetwas, was dein Nächster hat.
214 L: Da das ganze Gesetz geistlicher Art ist, wie du vorher schon mehrmals erwähnt hast, und schon die vorhergehenden Gebote dazu aufgestellt sind, nicht nur die äusserlichen Taten in Schranken zu halten, sondern auch die Neigungen der Seele zurechtzuweisen, was wird denn hier noch zusätzlich besagt?
S: In den vorhergehenden Geboten wollte Gott Willen und Neigungen leiten und zügeln. Hier wendet er das Gesetz auch auf die Gedanken an, die kein Begehren enthalten und noch nicht einmal bis zu klaren Überlegungen gediehen sind.
215 L: Sagst du damit, dass auch die geringsten Regungen von Begehren, die die Gläubigen beschleichen und ihnen bewusst werden, Sünde sind, auch wenn sie ihnen eher widerstehen als nachgeben?
S: Sicher entstammen alle schlechten Gedanken, auch wenn sie keine Zustimmung finden, unserer verdorbenen Natur. Ich meine hier aber nur: Dieses Gebot verdammt schändliche Begierden, die das Herz des Menschen reizen und anstacheln, aber so, dass sie nicht zu einer festen und überlegten Absicht führen.
216 L: Du sagst damit, dass die üblen Regungen, denen die Menschen nachgeben und die sie über sich Herr werden lassen, schon vorher verboten worden sind; jetzt wird aber eine so vollkommene Reinheit von uns gefordert, dass unser Herz kein verkehrtes Begehren zulässt, wodurch es zur Sünde gereizt werden könnte.
S: So ist es.
217 L: Gibt es nun eine kurze Zusammenfassung des ganzen Gesetzes?
S: Gewiss; wenn wir es in zwei Abschnitte fassen: Der erste lautet: Wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften; der zweite: Wir sollen die Nächsten genau so lieben wie uns selbst.
218 L: Was umfasst die Liebe zu Gott?
S: Gott so zu lieben, wie es ihm gebührt: ihn als Herrn, Vater und Erretter anerkennen. Daher gehören zu der Liebe zu Gott seine Verehrung und der Wille, ihm zu gehorchen mit dem Vertrauen, das in ihm begründet sein soll.
219 L: Was verstehst du unter den Worten: von ganzem Herzen, ganzer Seele mit allen Kräften?
S: Gemeint sind ein solcher Eifer und eine solche Kraft, dass in uns überhaupt kein Platz ist für Gedanken, Wünsche und Absichten, die dieser Liebe entgegenstehen.
Abschnitt 32
220 L: Was ist der Sinn des zweiten Abschnittes?
S: Wir neigen von Natur aus so sehr zur Selbstliebe, dass diese Regung über alle andern siegreich bleibt. Entsprechend soll nun die Nächstenliebe so in uns regieren, dass sie uns vollständig leitet und die Richtschnur aller Pläne und Taten ist.
221 L: Wer ist nun dein Nächster?
S: Nicht nur die Verwandten und Freunde oder wer sonst aus irgendeinem Grunde mit uns verbunden ist, sondern auch die, welche für uns Fremde oder gar Feinde sind.
222 L: Welche Verbindung haben diese zu uns?
S: Sie sind unbestreitbar durch jenes Band verbunden, mit welchem Gott das ganze Menschengeschlecht einst umfangen hat, das hochheilig und unverletzlich ist und vor keiner Schlechtigkeit zerrissen werden kann.
223 L: Du sagst also, wenn uns jemand hasse, so sei das seine Angelegenheit; er bleibt dennoch unser Nächster, und wir sollen ihn entsprechend behandeln, weil Gottes Ordnung unerschütterlich feststeht, wonach das Band zwischen uns geheiligt ist.
S: So ist es.
224 L: Da das Gesetz die rechte Art der Verehrung Gottes aufzeigt, sind wir dann nicht verpflichtet, nach seinen Vorschriften zu leben?
S: Das ist tatsächlich so. Aber alle leiden unter der Unfähigkeit, das Gebotene vollständig erfüllen zu können.
225 L: Warum fordert Gott von uns dann eine Vollkommenheit, die unser Vermögen übersteigt?
S: Er fordert nichts, was wir nicht zu leisten verpflichtet wären. Wenn wir uns im Übrigen bemühen, die hier vorgeschriebene Lebensweise einzuhalten, auch wenn wir dabei noch weit vom Ziel der Vollkommenheit entfernt sind, so rechnet uns Gott das Fehlende nicht an.
226 L: Sprichst du jetzt von allen Menschen insgesamt, oder nur von den Gläubigen?
S: Wer noch nicht aus Gottes Geist wiedergeboren ist, ist nicht fähig, auch nur mit dem äussersten Zipfel des Gesetzes den Anfang zu machen. Sollten wir im Übrigen auch jemanden finden, der zum Teil dem Gesetz gehorcht, so dürfen wir nicht annehmen, er könne deswegen vor Gott bestehen. Denn Gott erklärt alle für verflucht, die nicht alles erfüllen, was im Gesetz enthalten ist.
Abschnitt 33
227 L: Von daher lässt sich feststellen: So wie es zwei Menschengruppen gibt, so gibt es auch ein doppeltes Amt des Gesetzes.
S: Genau. Bei den Ungläubigen bewirkt es nämlich nichts anderes, als sie vor Gott unentschuldbar zu machen. Dies bezeichnet Paulus als Amt des Todes und der Verdammung. Hinsichtlich der Gläubigen findet es eine völlig andere Anwendung.
228 L: Welche denn?
S: Zunächst werden sie zur Demut erzogen, und zwar durch die Erfahrung, dass sie mit Werken keine Gerechtigkeit erlangen können. Das ist die rechte Vorbereitung darauf, das Heil in Christus zu suchen. Da das Gesetz dann viel mehr von ihnen verlangt, als was jemand zu leisten imstande ist, stachelt es sie an, Gott um Kraft zu bitten, und erinnert sie zugleich dauernd an ihre Schuld, damit sie nicht in Hochmut verfallen. Schliesslich legt es ihnen gleichsam Zügel an, um sie in der Furcht Gottes festzuhalten.
229 L: Auch wenn wir in diesem irdischen Leben das Gesetz nie erfüllen, dürfen wir es also nicht als überflüssig ansehen, weil es von uns eine solche Vollkommenheit verlangt. Es zeigt uns nämlich das vorgegebene Ziel, dem wir uns annähern und das wir anstreben sollen: dass jedes von uns nach dem Massstab der ihm verliehenen Gnade seinen Fleiss und Eifer daran setzt, sein Leben nach der höchsten Gerechtigkeit einzurichten und darin immer grössere Fortschritte zu machen.
S: So ist es.
230 L: Haben wir also im Gesetz eine vollkommene Richtschnur aller Gerechtigkeit?
S: Ja, und zwar so, dass Gott nichts anderes von uns will als dessen Befolgung; und anderseits hält er für unnütz und verschmäht, was wir ausserhalb seines Gebotes unternehmen. Er will nämlich kein anderes Opfer von uns als Gehorsam.
231 L: Wozu dienen demnach die vielen Ermahnungen, Vorschriften und Aufforderungen, die wir überall bei den Propheten und Aposteln finden?
S: Sie sind nichts als Erläuterungen des einen wahren Gesetzes, die uns zum Gehorsam gegen das Gesetz anleiten und nicht von ihm wegführen sollen.
232 L: Über Beruf und Bestimmung jedes Einzelnen schreibt es aber nichts vor.
S: Wenn es heisst, dass man jedem das Seine geben soll, kann man daraus sehr wohl entnehmen, was die Aufgaben jedes Einzelnen in seinem Stand und seiner Lebensform sind. Es gibt auch, wie gesagt, da und dort in der Schrift verstreut Ausführungen zu den einzelnen Geboten. Denn was der Herr hier in wenigen Worten als Hauptpunkte zusammengefasst hat, wird anderswo breiter und ausführlicher erörtert.
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III. Vom Gebet (233-295)
Abschnitt 34
233 L: Wir haben nun den zweiten Teil der Verehrung Gottes, nämlich Dienstbeflissenheit und Gehorsam, genügend behandelt. Reden wir jetzt vom dritten Teil.
S: Wie schon gesagt, besteht er darin, Gott anzurufen und zu ihm in allen Nöten unsere Zuflucht zu nehmen.
234 L: Du meinst also, man müsse ihn allein anrufen?
S: In jedem Fall. Er fordert dies nämlich als die seinem göttlichen Wesen angemessene Verehrung.
235 L: Wenn er sich so verhält, wie dürfen wir dann Menschen um Hilfe für uns angehen?
S: Das ist etwas grundsätzlich anderes. Wenn wir Gott anrufen, zeigen wir damit, dass wir nur von seiner Seite das Gute erwarten und nirgendwo sonst unser ganzer Schutz zu finden ist. Hingegen suchen wir bei Menschen Hilfe, soweit er es uns gestattet und ihnen die Fähigkeit verliehen hat, uns zu helfen.
236 L: Bei Menschen Hilfe und Beistand zu suchen, ist also deiner Meinung nach kein Widerspruch dazu, Gott allein anzurufen, da unser Vertrauen überhaupt nicht auf ihnen ruht. Wir rufen sie nur darum an, weil Gott ihnen die Fähigkeit verliehen hat, Gutes zu tun, und sie damit in gewisser Weise zu Vermittlern seiner Güte bestimmt hat. Was er ihnen dazu an Mitteln gegeben hat, darum sollen wir nach seinem Willen bitten.
S: So verstehe ich es. Was wir von ihnen an Gutem empfangen, sollen wir als Gabe Gottes betrachten, da ja in Wirklichkeit er selbst uns all dies durch ihre Vermittlung schenkt.
237 L: Müssen wir aber nicht dennoch den Menschen für jeden Dienst, den sie uns erweisen, dankbar sein? Das verlangt doch das natürliche Empfinden für Gerechtigkeit und menschliches Verhalten.
S: Sicherlich; und sei es auch nur deswegen, weil Gott sie der Ehre gewürdigt hat, dass alles Gute, das aus der unerschöpflichen Quelle seiner Grossherzigkeit strömt, durch ihre Hände wie durch Flüsse zu uns gelangt. Damit hat er uns ihnen verpflichtet und will, dass wir dies anerkennen. Wer darum den Menschen nicht dankbar ist, verrät damit auch seine Undankbarkeit gegenüber Gott.
238 L: Darf man daraus den Schluss ziehen, es sei falsch, im Gebet die Engel oder die verstorbenen heiligen Diener Gottes anzurufen?
S: Gewiss: Denn Gott hat nicht den Heiligen die Aufgabe übertragen, uns beizustehen; und was die Engel betrifft, benutzt Gott zwar ihre Tätigkeit zu unserem Heil, will aber nicht, dass wir sie anrufen.
239 L: Du sagst mit all dem: Was sich nicht genau mit der von Gott gesetzten Ordnung deckt, ist gegen Gottes Willen gerichtet.
S: So verhält es sich. Denn es ist ein sicheres Zeichen des Unglaubens, sich nicht mit dem zufriedenzustellen, was Gott uns schenkt. Wenn wir uns mit Glauben an Engel oder Heilige wenden, wo doch Gott uns zu ihm allein ruft, und einen Teil jenes Vertrauens, das allein auf ihm beruhen sollte, auf sie übertragen, verfallen wir in Götzendienst; wir verteilen so unter sie, was sich Gott allein und vollständig vorbehalten hat.
Abschnitt 35
240 L: Sprechen wir nun davon, in welcher Art und Weise man beten soll. Genügt dazu die Zunge, oder erfordert das Gebet auch die Betätigung von Verstand und Herz?
S: Die Zunge ist dazu nicht immer nötig. Ohne Wissen und Gefühl aber kann es niemals ein rechtes Gebet geben.
241 L: Mit welcher Begründung willst du dies beweisen?
S: Weil Gott Geist ist, verlangt er, wie in anderen Dingen, so erst recht beim Gebet, in welchem wir mit ihm verkehren, die Betätigung des Herzens. Er verspricht deshalb nur denen, die ihn in Wahrheit anrufen, gnädig zu sein; er verflucht und schmäht dagegen alle, die zum zum Schein und innerlich unbeteiligt beten.
242 L: So sind also alle unbeteiligt gesprochenen Gebete nichts wert und vergeblich?
S: Nicht nur dies, sie missfallen Gott auch in höchstem Masse.
243 L: Welche Gemütsverfassung verlangt Gott beim Beten?
S: Zuerst sollen wir unsere Hilflosigkeit und unser Elend spüren, so dass dies in uns Trauer und Angst erzeugt; danach soll in uns ein heftiges und ernsthaftes Begehren nach Gottes Gnade entbrennen, was dann in uns das Feuer des Betens entzündet.
244 L: Entspringt dieses Empfinden der Natur des Menschen, oder entsteht es in ihm durch Gottes Gnade?
S: Gott muss uns hier zur Hilfe kommen. Wir sind zu beiden Gefühlen völlig unfähig; es ist Gottes Geist, der in uns unaussprechliche Seufzer weckt und unsern Geist zu jenen Wünschen führt, wie sie im Gebet verlangt werden.
245 L: Diese Lehre will aber doch nicht sagen, man könne in Ruhe und teilnahmslos den Anstoss des Geistes erwarten, und keiner brauche sich zum Gebet anzutreiben?
S: Ganz und gar nicht. Deren Absicht ist vielmehr, dass die Gläubigen, die zum Gebet zu matt sind und sich zu müde oder zu wenig bereit fühlen, beständig zu Gott hinfliehen und ihn bitten, er möge sie mit den Feuerflammen seines Geistes entzünden und dadurch zum Gebet fähig machen.
246 L: Du meinst aber doch nicht, dass die Zunge beim Beten ganz überflüssig ist?
S: Überhaupt nicht. Sie ist nämlich oft ein Hilfsmittel, den Geist zu erheben und zu stärken, damit er nicht so leicht von der Hinwendung zu Gott abschweift. Da sie darüber hinaus mehr als alle anderen Organe zum Ruhm von Gottes Herrlichkeit bestimmt ist, soll sie dazu auch all ihre Fähigkeiten brauchen. Darüber hinaus treibt der brennende Eifer den Menschen mitunter dazu, dass die Zunge ganz unbeabsichtigt in Worte ausbricht.
247 L: Wenn sich das so verhält, welchen Wert hat es dann, in einer unbekannten Sprache zu beten?
S: Das ist nichts anderes, als mit Gott sein Spiel zu treiben. Solch eine Heuchelei soll dem Christen fern liegen.
Abschnitt 36
248 L: Wenn wir nun beten, tun wir dies auf gut Glück und unsicher über den Erfolg, oder dürfen wir es für eine feststehende Tatsache halten, dass Gott uns erhört?
S: Dies muss immer die Voraussetzung unseres Betens sein: Wir werden erhört, worum wir auch bitten, soweit es für uns nützlich ist. Deshalb lehrt Paulus, die rechte Anrufung Gottes entstehe aus dem Glauben. Keiner wird Gott je recht anrufen, wenn er vorher nicht im festen Vertrauen auf dessen Güte Halt gefunden hat.
249 L: Wie geht es dann denen, die nur zögernd beten, und in deren Seele keine Gewissheit darüber besteht, was sie von ihrem Gebet erwarten dürfen; ja, die sogar unsicher sind, ob Gott ihre Bitten überhaupt vernimmt?
S: Ihre Gebete sind hohl und nutzlos, weil keine Verheissung sie trägt. Wir sind geheissen, in festem Glauben zu beten, und dem gilt die Verheissung, dass uns alles, worum wir im Glauben bitten, gegeben werde.
250 L: Wir müssen nun noch wissen, warum wir es wagen können, uns mit solcher Zuversicht vor Gott hinzustellen, wo wir doch auf keine Weise wert sind, ihm unter die Augen zu treten.
S: Als erstes haben wir die Verheissungen, an die wir uns halten sollen, ohne uns über unsere Würdigkeit Gedanken zu machen. Weiter: Wenn wir Kinder Gottes sind, ermuntert und treibt uns sein Geist, ohne Bedenken zu ihm wie zu unserem vertrauten Vater Zuflucht zu nehmen. Damit wir, die wir nur Gewürm sind und erdrückt vom Bewusstsein unserer Sünden, nicht vor seiner glorreichen Hoheit erschrecken, hat er uns Christus als Mittler gegeben. Durch ihn ist uns der Zugang zu Gott erschlossen, so dass wir nicht mehr befürchten müssen, keine Gnade zu finden.
251 L: Du meinst also, Gott dürfe man nur im Namen Christi anrufen?
S: Jawohl. Denn so ist es uns ausdrücklich vorgeschrieben und die Verheissung angefügt, durch sein Eintreten für uns werde die Erhörung unserer Gebete bewirkt werden.
252 L: Also darf niemand der Frechheit oder Anmassung beschuldigt werden, der in kindlichem Vertrauen, dieses Beistands gewiss, zu Gott kommt und ihn allein Gott und sich gegenüber als den Garanten unserer Erhörung betrachtet.
S: Auf keinen Fall. Denn wer so betet, betet gleichsam durch dessen Mund, da er ja weiss, dass dessen Beistand sein Gebet fördert und Gott angenehm macht.
Abschnitt 37
253 L: Behandeln wir nun den Inhalt der Gebete der Gläubigen. Darf man alles, was einem in den Sinn kommt, von Gott verlangen, oder muss man sich an eine bestimmte Regel halten?
S: Das wäre wahrhaftig eine allzu verkehrte Art zu beten, einfach den eigenen Wünschen und der fleischlichen Gesinnung nachzugeben! Wir sind eben zu unkundig, um beurteilen zu können, was uns nützt, und werden von derart masslosen Begierden bedrängt, dass sie von einem Zügel gebändigt werden müssen.
254 L: Was braucht es daher?
S: Es bleibt nur dies, dass Gott selbst uns die rechte Gestalt des Betens vorschreibt, und wir der Leitung seiner Hand und der Vorgabe seiner Worte folgen.
255 L: Was hat er uns nun vorgeschrieben?
S: Die Lehre vom Gebet wird in der Schrift umfangreich und ausführlich behandelt. Um nun aber das Ziel ganz deutlich anzugeben, hat er in Muster gestaltet und gleichsam vorgeschrieben, worin kurz zusammengefasst in wenigen Abschnitten ausgeführt wird, was von Gott zu erbitten sich gehört und uns nützlich ist.
256 L: Sag es auf.
S: Als unser Herr Christus von den Jüngern gefragt wurde, auf welche Weise man beten solle, antwortete er:
Wenn ihr beten wollt, dann sprecht: Unser Vater im Himmel; geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden; unser tägliches Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern; und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
257 L: Damit wir den Inhalt besser erfassen, wollen wir ihn in Abschnitte einteilen.
S: Das Gebet umfasst sechs Teile. Die drei ersten haben nur Gottes Ehre im Blick und zielen darauf ab, ohne sich mit unserer Lage zu beschäftigen; die restlichen zielen auf uns und unser Wohl.
258 L: Soll man denn etwas von Gott erbitten, ohne dass sich dabei für uns etwas Gutes ergibt?
S: Gott selbst hat in seiner unendlichen Güte alles so gestaltet, dass alles was zu seiner Ehre dient, auch für uns heilvoll ist. Wenn also sein Name geheiligt wird, bewirkt Gott dadurch auch unsere Heiligung; wenn sein Reich kommt, haben auch wir in bestimmter Weise daran teil. Dennoch sollen wir bei all diesen Bitten nicht auf unseren Nutzen, sonder nur auf seine Ehre schauen.
259 L: Nach dieser Auffassung sind also diese drei Bitten zwar mit einem Nutzen für uns verknüpft, sie dürfen aber dennoch auf kein anderes Ziel ausgerichtet werden als auf die Verherrlichung des Namens Gottes.
S: So ist es; und auch bei den drei restlichen muss uns genau so an Gottes Ehre gelegen sein. Das ist eben die eigentliche Zielsetzung dieser Bitten, auch wenn es in ihnen um unser Wohl und Heil geht.
Abschnitt 38
260 L: Kommen wir nun zur Auslegung im Einzelnen. Da ist die erste Frage: Warum wird Gott hier gerade Vater genannt anstatt irgendwie anders?
S: Zum rechten Beten braucht es zuallererst ein vertrauensvoll gefestigtes Gewissen. Gott hat sich darum diesen Namen gewählt, weil daraus nichts als Liebe spricht, um so alle Angst aus unserem Geist zu verjagen und uns zu vertraulichem Bitten einzuladen.
261 L: Dürfen wir es also wagen, ohne Hindernisse direkt zu Gott zu kommen, wie es Kinder mit ihren Eltern gewohnt sind?
S: Unbedingt; und mit noch grösserem Vertrauen auf die Erfüllung unserer Bitten. So ermahnt uns ja der Meister: Wenn wir trotz unserer Bosheit es nicht fertigbringen, unseren Kindern etwas Gutes zu verweigern, sie nicht mit leeren Händen wegschicken und ihnen nicht Gift statt Brot reichen: wieviel mehr an Guttaten darf man dann vom Vater im Himmel erwarten, der nicht nur überaus gut, sondern die Güte selber ist.
262 L: Dürfen wir nicht auch aus dem Vaternamen selbst einen Beweis erschliessen, der unsere frühere Aussage bestätigt, wonach unser Bitten ganz und gar auf Christi Vermittlung gegründet ist?
S: Sogar den allerstärksten. Gott hält uns nur insoweit für seine Kinder, als wir Glieder Christi sind.
263 L: Warum nennst du ihn allgemein Unser Vater, und nicht lieber im Besonderen den deinen?
S: Jeder Gläubige kann ihn seinen Vater nennen; aber der Herr hat hier die allgemeine Bezeichnung gebraucht, um uns dadurch an die Ausübung der Nächstenliebe im Gebet zu gewöhnen. Keiner soll sich dabei nur um sich selbst kümmern und die andern vernachlässigen.
264 L: Was bedeutet die angefügte Aussage, Gott sei im Himmel?
S: Das ist dasselbe, als wenn ich ihn erhaben, machtvoll und unbegreiflich nennte.
265 L: Wozu aber und aus welchem Grund?
S: Wir werden hier gelehrt, bei der Anrufung Gottes unsere Gemüter emporzuheben, damit wir uns nicht unter ihm etwas Fleischliches oder Irdisches vorstellen, ihn nicht an unserem Fassungsvermögen messen oder etwas Niedriges von ihm denken und ihn so unserem Willen unterwerfen wollen, sondern vielmehr seine herrliche Hoheit mit Ehrfurcht und Ergebenheit verehren lernen. Es dient auch dazu, unser Vertrauen auf ihn zu beleben und zu stärken, wenn er Herr und Herrscher des Himmels genannt wird, der alles nach seinem Willen lenk.
Abschnitt 39
266 L: Sage mir den Inhalt der ersten Bitte.
S: Unter dem Namen Gottes versteht die Schrift Gottes Ruhm und Ansehen zu seiner Verehrung unter den Menschen. Wir bitten darum, dass seine Ehre überall und in allen dingen immer mehr hervortrete.
267 L: Kann dann seine Ehre vermehrt oder vermindert werden?
S: In sich selbst nimmt sie weder zu noch ab. Wir bitten darum, dass sie unter den Menschen so deutlich werde, wie es ihr zusteht; alles, was Gott tut; alle seine Werke sollen so herrlich erscheinen, wie sie eigentlich sind; und so soll er selbst auf jede Weise verherrlicht werden.
268 L: Was verstehst du in der zweiten Bitte unter dem Reich Gottes?
S: Dazu gehören vor allem zwei Dinge: Gott lenkt die Erwählten durch seinen Geist; die Verworfenen aber, die sich ihm nicht gehorsam fügen wollen, schlägt er nieder und gibt sie der Vernichtung preis. So soll offenbar werden, dass nichts seiner Macht widerstehen kann.
269 L: Welchen Inhalt hat für dich die Bitte um das Kommen dieses Reiches?
S: Der Herr möge von Tag zu Tag die Zahl der Gläubigen vermehren; er möge sie mit den Gaben seines Geistes überschütten, bis er sie ganz damit erfüllt hat. Weiter soll seine Wahrheit die Finsternisse des Teufels vertreiben und so immer heller und klarer zutage treten, und seine Gerechtigkeit sich durchsetzen und alle Ungerechtigkeit vernichten.
270 L: Geschieht dies alles nicht schon jeden Tag?
S: Es geschieht so, dass man von einem Anfang des Reiches Gottes sprechen kann. Wir bitten darum, dass es immer wieder wachse und vorangetrieben werde, bis es zur letzten Vollendung gelangt. Wir hoffen auf sie als auf den Jüngsten Tag, an welchem Gott alle Geschöpfe sich unterworfen hat und allein über allen gepriesen wird. Dann wird Gott alles in allem sein.
Abschnitt 40
271 L: Welchen Sinn hat die Bitte, dass Gottes Wille geschehe?
S: Alle Geschöpfe sollen ihm in Gehorsam unterworfen sein und so von seinem Wink abhangen, dass nichts geschieht, es sei denn durch seinen Willen.
272 L: Denkst du denn, es könnte etwas geschehen, was seinem Willen nicht entspricht?
S: Wir bitten ja nicht nur, da geschehe, was er bei sich beschlossen hat, sondern dass er alles Widerstrebende bändige und unterjoche, den Willen eines jeden in jeder Hinsicht dem seinen unterwerfe und ihm allein gehorsam mache.
273 L: Verzichten wir mit einer derartigen Bitte nicht auf unseren eigenen Willen?
S: Jawohl; und nicht nur, damit Gott alle Gelüste, die in uns seinem Willen widerstreiten, wirkungslos macht, sondern damit er in uns ein neues Gemüt und ein neues Herz schafft, damit wir nichts selbstsüchtig von uns aus wollen, sondern vielmehr sein Geist unsre Wünsche leite, und sie so völlig mit Gottes Willen übereinstimmen.
274 L: Warum bittest du, er geschehe wie im Himmel, so auf Erden?
S: Die heiligen Engel, die seine himmlischen Geschöpfe sind, haben ja nur die eine Absicht, ihm in allem zu dienen und sind ständig bereit, auf seinen Ruf zu hören und ihm aus freien Stücken Gehorsam zu leisten. Eine solche Bereitwilligkeit des Gehorsams erbitte ich auch für die Menschen, damit sich ihm jeder freiwillig und vollständig füge und hergebe.
Abschnitt 41
275 L: Ich komme jetzt zum zweiten Teil. Was verstehst du unter dem täglichen Brot, um welches du bittest?
S: Alles, was zur Bewahrung dieses gegenwärtigen Lebens dient: nicht nur Nahrung und Kleidung, sondern Gewährleistung aller äusseren Hilfsmittel zur Erfüllung unserer Lebensbedürfnisse, damit wir so unser Brot in Frieden essen können, soweit Gott es als förderlich ansieht.
276 L: Warum erbittest du als eine Gabe Gottes, was er uns durch unsere Arbeit erwerben heisst?
S: Auch wenn wir für unseren Unterhalt im Schweiss unseres Angesichts arbeiten sollen, leben wir doch nicht dank unserer Arbeit, unseres Fleisses oder unserer Anstrengung, sondern allein durch Gottes Segen, wodurch die Arbeit unserer Hände gedeiht, die sonst furchtlos wäre. Im Übrigen gilt sogar: Auch wenn uns Nahrungsmittel in Fülle zur Verfügung stehen und wir davon essen, so nährt uns doch nicht ihr Wesen, sondern allein Gottes Kraft. Sie besitzen nämlich diese Fähigkeit nicht von Natur aus, sondern Gott gebraucht sie wie Werkzeuge seiner himmlischen Güte.
277 L: Mit welchem Recht nennst du es dann dein Brot, wenn du es doch als Gabe Gottes erbittest?
S: Es wird unser durch Gottes Güte, auch wenn er es uns nicht im Geringsten schuldet. Im Übrigen soll uns dieses Wort mahnen, nicht das Brot eines anderen zu begehren und uns mit dem zufriedenzugeben, was uns rechtmässig wie aus Gottes Hand zuteil geworden ist.
278 L: Warum fügst du die Wörter täglich und heute an?
S: Sie halten uns zu Mässigkeit und Selbstbeherrschung an, damit unsere Wünsche nie das Mass des Notwendigen überschreiten.
279 L: Wenn dies nun das allgemeine Gebet für alle ist, wie ist es dann möglich, dass Reiche mit einem Haus voll Überfluss und Vorrat für lange Zeit um das tägliche Brot bitten sollen?
S: Reiche ebenso wie Arme müssen wissen, dass ihnen all ihr Besitz nichts nützt, soweit nicht Gott ihnen dessen Verwendung gestattet und dies durch seine Gnade wirksam und nützlich macht. So haben wir bei allem Besitz nichts als das, was wir Stunde um Stunde aus Gottes Hand empfangen, soviel wir bedürfen und gut für uns ist.
Abschnitt 42
280 L: Was ist der Inhalt der fünften Bitte?
S: Gott möge uns unserer Sünden vergeben.
281 L: Ist denn auf Erden niemand so gerecht, dass er diese Vergebung nicht nötig hätte?
S: Überhaupt niemand. Als Jesus seinen Jüngern dieses Mustergebet gab, hat er es für die ganze Kirche bestimmt. Wer meint, er könne sich davon ausnehmen, verlässt damit notwendigerweise die Gemeinschaft der Gläubigen. Wir hören ja auch das Zeugnis der Schrift: Wer sich in einer Sache von Gott reinzuwaschen sucht, wird in tausend Fällen für schuldig befunden werden. Es bleibt uns nur allein die Zuflucht zu seinem Erbarmen.
282 L: Wie werden uns denn deiner Ansicht nach die Sünden vergeben?
S: So wie es Christi Worte selbst sagen: Es sind Schulden, derer angeklagt wir unausweichlich des ewigen Todes schuldig befunden werden, bis uns Gott ganz allein durch seine Gnade davon befreit.
283 L: Du sagst also, dass wir durch Gottes gnädiges Erbarmen die Vergebung der Sünden erlangen.
S: Allerdings. Wenn wir auch nur für eine Sünde, und sei es die allerkleinste, Wiedergutmachung leisten müssten, wären wir doch niemals zur Genugtuung imstande. Gott muss uns daher alles aus Gnade schenken und verzeihen.
284 L: Welchen Nutzen bringt uns diese Vergebung?
S: Dass wir von Gott so angenommen sind, als wären wir gerecht und unschuldig. Gleichzeitig werden wir damit im Vertrauen auf seine väterliche Güte als Grundlage unserer Heilsgewissheit bestärkt.
285 L: Nun steht eine Bedingung dabei: Gott soll uns vergeben, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Bedeutet dies nun, dass wir uns Gottes Vergebung verdienen müssen, indem wir den Menschen vergeben, wenn sie sich irgendwie gegen uns vergangen haben?
S: Ganz und gar nicht. Sonst wäre ja die Vergebung nicht mehr freie Gnade und nicht allein in der Genugtuung Christi durch seinen Tod für uns am Kreuz begründet, wie es doch sein muss. Weil wir aber dadurch, dass wir uns angetanes Unrecht vergessen und so Gottes Milde und Güte nachahmen, uns als seine Kinder erweisen, will er uns darin wie mit einem Kennzeichen bestärken. Gleichzeitig sollen wir umgekehrt auch merken: Wenn wir nicht schnell bereit zum Vergeben sind, können wir uns von Gott nichts anderes erwarten als grösste und unerbittlichste Härte und Strenge.
286 L: Du meinst also, Gott sage sich von allen, die Beleidigungen nicht aus ihrem Herzen verbannen können, los und schliesse sie aus dem Kreis seiner Kinder aus, so dass sich keiner darauf verlassen kann, im Himmel für sich Vergebung zu finden?
S: So meine ich es, damit erfüllt würde, dass jedem mit dem Mass zugemessen wird, das er andern gegenüber gebraucht hat.
Abschnitt 43
287 L: Was folgt dann?
S: Gott möge uns nicht in Versuchung führen, sondern vom Bösen erlösen.
288 L: Fasst du dies alles in eine Bitte?
S: Jawohl. Es ist eben nur eine einzige Bitte, der zweite Teil ist die Auslegung der ersten.
289 L: Was ist der Inhalt?
S: Der Herr möge es nicht geschehen lassen, dass wir in Sünde geraten oder ihr verfallen, und so vom Teufel und den Begierden unseres Fleisches, die uns ständig bekriegen, besiegt werden. Er möge uns vielmehr mit seiner Kraft zum Widerstand ausrüsten, uns durch seine Hand stützen und mit seinem Schutz versehen und decken, damit wir so beschirmt unter seiner treuen Obhut leben können.
290 L: Auf welche Weise geschieht dies?
S: Indem wir unter der Leitung seines Geistes von solcher Liebe und Sehnsucht nach Gerechtigkeit erfüllt werden, dass wir Sünde, Fleisch und Teufel überwinden, und entsprechend von einem solchen Hass gegen die Sünde, dass er uns von der Welt unangefochten in reiner Heiligkeit enthält. Denn auf der Kraft seines Geistes beruht unser Sieg.
291 L: Haben alle diese Hilfe nötig?
S: Wer könnte denn darauf verzichten? Ständig bedroht uns der Teufel, umschleicht uns wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne. Wir würden ja in unserer Schwachheit sogleich zu Fall kommen und manches Mal wären wir völlig verloren, wenn Gott uns nicht mit seinen Waffen zum Kampf ausrüstete und mit seiner Hand stärkte.
292 L: Was bedeutet Versuchung?
S: Die Listen und Ränke des Teufels, mit welchen er uns ständig angreift und uns ganz gefangen nähme, wenn wir nicht von Gottes Hilfe unterstützt würden. Unser von natur aus eitler Sinn hat seinen Täuschungen nichts entgegenzusetzen, und je mehr unser Wille stets zum Bösen geneigt ist, desto schneller verfällt er ihnen.
293 L: Warum betest du aber, Gott solle dich nicht in Versuchung führen, wenn dies doch das Werk des Teufels, und nicht Gottes, ist?
S: Wie Gott die Gläubigen in seinen Schutz nimmt, damit sie nicht von den Betrügereien des Teufels bezwungen oder von der Sünde besiegt werden, so entzieht er denen, welche er strafen will, nicht nur seine Gnade, sondern gibt sie auch der Herrschaft des Teufels preis, schlägt sie mit Blindheit und gibt ihnen einen verworfenen Sinn, so dass die ganz der Sünde überlassen und allen Anstürmen der Versuchungen ausgeliefert sind.
294 L: Was bedeutet der angehängte Schlusssatz: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit?
S: Wir werden hier noch einmal daran erinnert, auf Gottes Macht und Geist als Grundlage für unsere Gebete zu vertrauen und in keiner Weise auf uns. Ausserdem werden wir dadurch gelehrt, alle unsere Gebete mit einem Lobpreis zu beschliessen.
Abschnitt 44
295 L: Dürfen wir nichts anderes von Gott erbitten, als was in diesem Mustergebet enthalten ist?
S: Es steht uns zwar frei, mit anderen Worten und auf andere Weise zu beten; allerdings muss daran festgehalten werden, dass Gott kein Gebet gefallen kann, das nicht auf dieses hier als den einzigen Massstab rechten Betens zurückgeht.
IV. Von den Sakramenten (296-373)
296 L: Wir behandeln nun den vierten Teil der Verehrung Gottes, gemäss der am Anfang festgelegten Reihenfolge.
S: Wir haben gesagt, er bestehe darin, Gott als Urheber alles Guten anzuerkennen und seiner Güte, Gerechtigkeit, Weisheit und Macht Lob und Dank zu erweisen, damit die Ehre für alles Gute allein ihm zukomme.
297 L: Gibt es dafür keine vorgeschriebene Regel?
S: Zur Regel soll uns alles dienen, was zu seinem Lob in der Bibel steht.
298 L: Erhält das Gebet des Herrn nichts, was sich darauf bezieht?
S: O doch. Mit der Bitte um Heiligung seines Namens bitten wir darum, dass in allen seinen Werken seine Ehre zur Geltung komme: Dass er als barmherzig gelte, wenn er den Sündern verzeiht, als gerecht, wenn er straft, als wahrhaftig, wenn er die Verheissungen an die Seinen erfüllt. Endlich soll jedes seiner Werke, das wir betrachten, seine Verehrung in uns wachrufen. Das heisst, ihn für alles Gute zu loben.
299 L: Was können wir also aus dem bisher Behandelten schliessen?
S: Was die Wahrheit selbst lehrt und ich am Anfang dargelegt habe. Das ist das ewige leben, den einen wahren Gott als Vater zu kennen und den, den er gesandt hat, Jesus Christus; ihn so zu kennen, dass wir ihm die geschuldete Ehrerbietung und Verehrung entgegenbringen und er nicht nur unser Herr ist, sondern auch Vater und Erretter und wir seine Kinder und Diener, die ihr Leben von nun an der Verherrlichung seiner Ehre weihen.
Vom Wort Gottes
Abschnitt 45
300 L: Auf welchem Weg gelangt man zu einem solchen Schatz?
S: Zu diesem Zweck hat er uns sein heiliges Wort überlassen. Es ist die geistliche Lehre, durch die wir wie durch eine Pforte in sein himmlisches Reich eintreten.
301 L: Wo müssen wir dieses Wort suchen?
S: Es ist in den heiligen Schriften enthalten.
302 L: Wie muss man damit umgehen, um daraus Nutzen zu empfangen?
S: Es dient uns nach seiner Bestimmung dann zu unserem Heil, wenn wir es in fester Überzeugung als eine vom Himmel gekommene Gabe in unser Herz aufnehmen, uns als seine gelehrigen Schüler erweisen, Willen und Verstand ihm gehorsam unterwerfen, es von Herzen lieben; wenn es, einmal in unsere Herzen eingedrungen, dort fest wurzelt, um im Leben Frucht zu tragen, und wir schliesslich nach seinem Vorbild gestaltet werden.
303 L: Liegt dies alles im Bereich unserer Fähigkeit?
S: Überhaupt nichts davon; es liegt allein bei Gott, dies alles durch die Gnadengabe des Heiligen Geistes in uns zu bewirken.
304 L: Müssen wir aber nicht doch grösste Mühe und Sorgfalt darauf verwenden und uns mit allem Eifer anstrengen, sein Wort zu lesen, zu hören und zu betrachten, um darin Fortschritte zu machen?
S: O doch. Jeder soll sich in täglichem Lesen damit befassen; aber mit ganz besonderem Fleiss sollen alle die Zusammenkünfte besuchen, wo die Lehre vom Heil in der Versammlung der Gläubigen ausgelegt wird.
305 L: Du betrachtest es also nicht als hinreichend, wenn die Einzelnen zuhause lesen, sofern sie nicht auch alle zusammenkommen, um eine einheitliche Lehre zu hören?
S: Man muss zusammenkommen, wo es möglich ist; das heisst, wenn einem die Gelegenheit dazu gegeben ist.
306 L: Kannst du dies beweisen?
S: Dafür ist der Wille Gottes allein Beweis genug. Er hat seiner Kirche diese Lehrordnung nicht dazu vorgeschrieben, damit nur zwei oder drei sie beachten, sondern damit alle sich ihr gleichermassen unterziehen. Dazu erklärt er sie als einzigen Weg, die Kirche zu erbauen und zu bewahren. Darum muss dies für uns eine heilige und unverletzliche Vorschrift sein; und keiner soll meinen, er dürfe klüger sein als sein Meister.
307 L: Müssen also Pfarrer den Gemeinden vorstehen?
S: Ja; und man muss auf sie hören und mit Ehrfurcht und Achtung aus ihrem Mund annehmen, was sie als Lehre Christi verkünden. Wer sie daher verachtet oder sich weigert, sie zu hören, verachtet Christus und trennt sich von der Gemeinschaft der Gläubigen.
308 L: Genügt es für den Christen, einmal durch den Pfarrer unterwiesen worden zu sein, oder muss man damit während des ganzen Lebens fortfahren?
S: Anfangen ist zu wenig, wenn man nicht beharrlich dabei bleibt; denn wir sollen bis zum Ende, ja, ohne Ende Christi Jünger sein. Er hat darum den Dienern der Kirche dieses Amt übergeben, an seiner Stelle und in seinem Namen zu lehren.
Von den Sakramenten
Abschnitt 46
309 L: Gibt es ausser dem Wort kein anderes Mittel, wie man so sagt, durch welches Gott sich uns mitteilt?
S: Der Predigt des Wortes hat er die Sakramente hinzugefügt.
310 L: Was ist ein Sakrament?
S: Ein äusseres Zeugnis des göttlichen Wohlwollens gegen uns, das mit einem sichtbaren Zeichen die göttlichen Gnadengaben abbildet, um in unseren Herzen Gottes Verheissungen zu versiegeln, wodurch deren Wahrheit noch bekräftigt wird.
311 L: Liegt denn in einem sichtbaren Zeichen eine solche Kraft, dass es die Gewissen im Vertrauen auf das Heil festigt?
S: Es hat sie freilich nicht aus sich selbst, sondern durch Gottes Willen, weil es zu diesem Zweck eingesetzt worden ist.
312 L: Wenn es nun doch die besondere Aufgabe des Heiligen Geistes ist, Gottes Verheissungen in unseren Herzen zu versiegeln, wie kannst du dies den Sakramenten zusprechen?
S: Hier handelt es sich um zwei völlig verschiedene Dinge. Die Herzen zu bewegen und erfassen, die Gemüter zu erleuchten und unsere Gewissen fest und ruhig zu machen, ist so ausschliesslich die Sache des Heiligen Geistes, dass es ganz und gar als sein Werk angesehen werden und als seine Gabe betrachtet werden muss, und das Lob ihm allein gebührt. Dem steht jedoch überhaupt nicht entgegen, dass Gott sich der Sakramente wie untergeordneter Hilfsmittel bedient und sie zum Gebrauch heranzieht, so wie es ihm gut erscheint; und zwar so, dass dem Geist nichts von seiner Bedeutung genommen wird.
313 L: Die Kraft und Wirksamkeit der Sakramente ist also nach deiner Überzeugung nicht in ein äusserliches Element eingeschlossen, sondern geht ganz vom Geiste Gottes aus?
S: Jawohl. Gott will seine Kraft durch seine Hilfsmittel, die er zu diesem Zweck bestimmt hat, offenbaren. Dies tut er so, dass er seinem Geiste nichts von dessen Bedeutung nimmt.
314 L: Kannst du mir den Grund angeben, warum Gott so handelt?
S: Er nimmt dabei Rücksicht auf unsere Schwachheit. Wenn wir alle eine Geistnatur besässen, könnten wir, gleich den Engeln, bald ihn, bald seine Gnadengaben im Geiste schauen. Da wir aber von der Masse dieses irdischen Leibes umschlossen sind, brauchen wir Abbilder oder Spiegelbilder, die uns den Anblick geistlicher und himmlischer Dinge auf irdische Weise darbieten. Auf andere Weise würden wir nie dazu gelangen. Ausserdem ist es für uns wichtig, dass sich all unsere Sinne mit Gottes Verheissungen befassen, damit wir darin noch mehr bestärkt werden.
Abschnitt 47
315 L: Wenn es also zutrifft, dass die Sakramente von Gott als Hilfen für unsere Bedürftigkeit eingesetzt sind, muss es dann nicht zu Recht als Anmassung verurteilt werden, wenn jemand denkt er könne sie als überflüssig ansehen und entbehren?
S: Allerdings. Wer freiwillig auf ihren Gebrauch verzichtet, als ob er sie nicht nötig hätte, verachtet Christus, weist seine Gabe zurück und entkräftet das Wirken des Geistes.
316 L: Welch ein Vertrauen zur Festigung der Gewissen und welche Gewissheit kann dann aber aus Sakramenten gewonnen werden, die Gute und Böse unterschiedslos empfangen?
S: Wenn auch allen Gottes Gaben in den Sakramenten dargeboten werden, machen die Gottlosen sie doch für ihre Person zunichte. Sie können deswegen aber nicht bewirken, dass den Sakramenten ihre Kraft oder ihr Wesen verloren gingen.
317 L: Wie und wann wirken nun die Sakramente?
S: Wen wir sie im Glauben empfangen und allein Christus und seine Gnade bei ihnen suchen.
318 L: Warum sagst du, man müsse Christus bei ihnen suchen?
S: Ich verstehe das so: Wir dürfen nicht an den sichtbaren Zeichen hangen bleiben, um von daher unser Heil zu begehren, oder uns einbilden, die Kraft, uns Gnade zukommen zu lassen, hafte an ihnen oder sei dort eingeschlossen. Wir müssen sie vielmehr wie ein zeichenhaftes Hilfsmittel ansehen, wodurch wir geradewegs zu Christus geführt werden, um von ihm selbst heil und beständigen Segen zu begehren.
319 L: Wenn zu ihrem Empfang der Glaube gefordert wird, wie kannst du dann sagen, die Sakramente seien uns zur Stärkung des Glaubens gegeben, um uns der Verheissungen Gottes gewisser zu machen?
S: Es genügt eben nicht, dass der Glaube einmal in uns angefangen hat, wenn er nicht dauernd genährt wird; er soll von Tag zu Tag wachsen. Um ihn zu nähren, zu stärken und zu fördern, hat daher der Herr die Sakramente eingesetzt. Gerade dies meint Paulus, wenn er ihre Bedeutung darin sieht, die Verheissungen Gottes zu versiegeln.
320 L: Ist es aber nicht ein Zeichen von Unglauben, keinen festen Glauben an Gottes Verheissungen zu besitzen, wenn sie uns nicht von anderswoher bestätigt werden?
S: Dies zeugt zwar von der Schwäche des Glaubens, woran auch die Kinder Gottes kranken; deswegen sind sie aber trotzdem weiterhin Gläubige, auch wenn ihr Glaube bis jetzt schwach und unvollkommen ist. Solange wir uns in dieser Welt befinden, hangen an unserem Fleisch immer noch Reste des Unglaubens, die wir nur durch ständiges Vorwärtsschreiten bis an unser Lebensende loswerden können. Wir müssen deshalb immer weiter Fortschritte machen.
Abschnitt 48
321 L: Wieviel Sakramente kennt die christliche Kirche?
S: Im Ganzen zwei, die unter allen Gläubigen in Gebrauch sind.
322 L: Welche sind es?
S: Die Taufe und das heilige Abendmahl?
323 L: Worin gleichen sie sich, und wo liegt der Unterschied?
S: Die Taufe ist für uns sozusagen der Zugang zur Kirche. In ihr haben wir das Zeugnis, dass wir, die wir sonst Aussenstehende und Fremde wären, in Gottes Familie aufgenommen werden, damit wir zu seinen Hausgenossen gehören. Das Abendmahl bezeugt uns, dass Gott sich uns als Vater erweist, indem er unsere Seele speist.
324 L: Um von beiden ein klares Bild zu gewinnen, wollen wir jedes für sich behandeln. Zunächst: Was ist die Bedeutung der Taufe?
S: Zweierlei. Sie bildet die Vergebung der Sünden und die geistliche Erneuerung ab.
Abschnitt 49
325 L: In welcher Hinsicht gleicht das Wasser diesen Dingen, so dass es sie darstellen kann?
S: Die Vergebung der Sünden ist eine Art von Abwaschung, wodurch die Seele von ihren Sünden gereinigt wird, nicht anders als das Wasser den Schmutz vom Körper abwäscht.
326 L: Und die Erneuerung?
S: Ihr Anfang ist ja die Abtötung unseres natürlichen Wesens; ihr Ziel, dass wir neue Geschöpfe seien. In der Benetzung des Kopfes mit Wasser wird uns das Abbild des Todes dargestellt, das neue Leben aber darin, dass wir nicht im Wasser untergetaucht bleiben, sondern nur für einen Augenblick wie im Grab untergehen, um sogleich daraus wieder aufzutauchen.
327 L: Hältst du etwas Wasser für das Reinigungsbad der Seele?
S: Ganz und gar nicht. Es wäre frevelhaft, diese Ehre dem Blut Christi zu rauben, das deswegen vergossen wurde, um uns, von aller Befleckung gesäubert, rein und frei von Schmutz Gott darzubringen. In der Begegnung unseres Gewissens mit jenem heiligen Blut durch den Heiligen Geist empfangen wir die Frucht dieser Reinigung. Dies wird im Sakrament besiegelt.
328 L: Ist das Wasser also deines Erachtens nichts anderes als lediglich ein Abbild dieser Reinigung?
S: Ein Abbild, ja, aber so, dass die Sache selbst damit verknüpft ist. Gott enttäuscht uns nämlich nicht, wenn er uns seine Gaben verspricht. Daher ist es auch sicher, dass uns die Vergebung der Sünden und das neue Leben in der Taufe angeboten und von uns empfangen werden.
329 L: Erfüllt sich diese Gnade an allen ohne Unterschied?
S: Viele verschliessen ihr durch die eigene Schlechtigkeit den Weg und machen sie so für sich wirkungslos. So gelangt ihre Auswirkung nur zu den Gläubigen. Damit geht aber dem Wesen des Sakraments nichts ab.
330 L: Woher kommt dann die Erneuerung?
S: Aus dem Tod und der Auferstehung Christi zugleich. Denn sein Tod hat die Kraft, dass durch ihn unser alter Mensch gekreuzigt und die Lasterhaftigkeit unseres natürlichen Wesens gleichsam begraben wird, damit sie nichts mehr in uns vermag. Dass wir aber zu einem neuen Leben in Gehorsam gegen Gott wiedergeboren werden, ist die Wohltat seiner Auferstehung.
331 L: Wie verschafft uns die Taufe diese Güter?
S: Wenn wir nicht die uns in ihr dargebotenen Verheissungen verschmähen und sie so wirkungslos machen, werden wir mit Christus bekleidet und mit seinem Geist beschenkt.
Abschnitt 50
332 L: Was müssen wir tun, um die Taufe recht zu gebrauchen?
S: Der rechte Gebrauch der Taufe beruht auf Glauben und Busse. Dies bedeutet dass wir zunächst mit herzlichem Vertrauen fest glauben, dass wir durch Christi Blut von aller Befleckung gereinigt und so Gott wohlgefällig sind; danach, dass wir spüren, wie sein Geist in uns wohnt, und dies mit Taten gegenüber unsern Mitmenschen zeigen, und dass wir stets um Abtötung unseres Fleisches und Gehorsam gegen Gott bemüht sind. 333 L: Wenn dies zum rechten Gebrauch der Taufe verlangt wird, wie kann man dann Kinder taufen?
S: Glauben und Busse müssen nicht notwendigerweise immer der Taufe vorausgehen. Sie werden nur von denen gefordert, die entsprechend ihrem Alter schon zu beidem fähig sind. Es genügt darum, wenn die Kinder die Wirkung der Taufe zeigen, nachdem sie herangewachsen sind.
334 L: Kannst du beweisen, dass dies nicht widersinnig ist?
S: Gewiss, wenn man mir zugesteht, dass nichts, was Gott eingesetzt hat, mit der Vernunft unvereinbar ist. Mose und die Propheten lehren ja, die Beschneidung sei ein Zeichen der Busse gewesen, und nach Paulus auch ein Sakrament des Glaubens; und dennoch hat Gott die Kinder nicht davon ausgeschlossen.
335 L: Man muss die Kinder also aus demselben Grund, der für die Beschneidung galt, jetzt auch zur Taufe zulassen?
S: Genau aus demselben; denn die Verheissung, die Gott einst dem Volk Israel gegeben hat, gelten jetzt der ganzen Welt.
336 L: Schliesst du also daraus, wir dürfen dieses Zeichen für uns in Anspruch nehmen?
S: Wer beides genau prüft, wird diese Schlussfolgerung ziehen. Christus hat uns ja nicht seiner Gnade, die früher dem Volk Israel erwiesen wurde, derart teilhaftig gemacht, dass sie bei uns weniger klar oder irgendwie verringert sei. Nein, er hat sie im Gegenteil reichlicher und übervoller auf uns ausgegossen.
337 L: Denkst du, wenn die Kinder von der Taufe ferngehalten würden, ginge der Gnade Gottes etwas verloren, so dass man sagen könnte, sie sei seit dem Kommen Christi geschmälert worden?
S: Das ist ganz offensichtlich so. Wenn uns dieses Zeichen fehlte, das grösste Bedeutung zur Bezeugung von Gottes Barmherzigkeit und Verheissungen besitzt, dann müssten wir einen hervorragenden Trost vermissen, den die Alten geniessen konnten.
338 L: Du meinst damit also: Wenn Gott im Alten Bund, um sich als Vater der Kleinen zu erklären, die Verheissung des Heils mit einem sichtbaren Zeichen ihren Körpern aufgeprägt haben wollte, so wäre es nicht recht, wenn die Gläubigen nach dem Kommen Christi weniger Bekräftigung hätten. Denn heute ist uns ja dieselbe Verheissung gegeben wie den Vätern, und in Christus hat Gott uns ein weit helleres Zeugnis seiner Liebe gegeben.
S: Jawohl. Und da ja feststeht, dass die Kraft und die Wirklichkeit der Taufe, wenn ich so sagen darf, auch die Kinder umfasst, geschähe ihnen offensichtlich Unrecht, wenn man ihnen das Zeichen verweigern wollte, das doch weniger ist als die Sache selbst.
339 L: Mit welcher Bestimmung soll man nun die Kinder taufen?
S: Zum Zeugnis, dass sie Erben des Segens sind, der dem Volk der Gläubigen verheissen ist, damit sie als Erwachsene die Wirklichkeit der Taufe erkennen und daraus Nutzen ziehen und bringen.
Abschnitt 51
340 L: Gehen wir zum Abendmahl über. Da möchte ich zuerst von dir wissen: Was bedeutet das Abendmahl?
S: Christus hat es eingesetzt, um uns zu lehren, dass unsere Seelen durch die Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut in der Hoffnung auf das ewige Leben genährt werden, und uns dessen gewiss zu machen.
341 L: Warum bildet das Brot den Leib, der Wein das Blut des Herrn ab?
S: Wir sollen daraus lernen: Dieselbe Kraft, die das Brot als Nahrung des Körpers zur Erhaltung des gegenwärtigen Lebens besitzt, eignet ebenso dem Leib des Herrn als geistlicher Speise der Seelen. So wie der Wein des Menschen Herz erfreut, seine Kräfte von neuem weckt und den ganzen Menschen stärkt, so empfangen wir uns aus dem Blute des Herrn entsprechende Wirkungen für unsre Seele.
342 L: Nähern wir uns also wirklich von Leib und Blut des Herrn?
S: Jawohl. Denn unsere ganze Heilsgewissheit beruht ja darauf, dass sein Gehorsam, den er dem Vater erwiesen hat, uns angerechnet wird, als wäre es unser eigener. Darum müssen wir ihn notwendig besitzen. Der Herr teilt uns nämlich seine Wohltaten nicht anders mit, als indem er sich uns zu eigen macht.
343 L: Hat er sich aber nicht schon damals hingegeben, als er sich dem Tode auslieferte, um uns als vom Urteil des Todes Erlöste mit dem Vater zu versöhnen?
S: Das ist wohl wahr. Aber dies genügt nicht, wenn wir ihn nicht jetzt empfangen, so dass Wirksamkeit und Nutzen seines Todes zu uns gelangen.
344 L: Empfangen wir ihn aber nicht im Glauben?
S: Sicherlich. Doch dies geschieht nicht, indem wir einfach glauben, er sei gestorben, um uns vom Tode zu erlösen, und auferstanden, um uns das Leben zu erwerben, sondern indem wir erkennen, dass er in uns wohnt, und wir in einer derartigen Einheit mit ihm verbunden sind, dass wir durch die Gabe dieser Einheit all seiner Wohltaten teilhaftig werden.
Abschnitt 52
345 L: Erlangen wir nun diese Gemeinschaft einzig durch das Abendmahl?
S: Gewiss nicht. Paulus bezeugt uns, dass uns durch das Evangelium die Gemeinschaft mit Christus mitgeteilt wird. Und er lehrt dies zu Recht, denn im Evangelium hören wir, dass wir Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein sind, dass er das lebendige Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist, um unsere Seelen zu nähren, dass wir eins mit ihm sind, wie er mit dem Vater eins ist, und ähnliches mehr.
346 L: Was erhalten wir darüber hinaus mit diesem Sakrament, oder welchen zusätzlichen Nutzen bringt er uns?
S: Jene Gemeinschaft, von der ich gesprochen habe, wird in uns gefestigt und gestärkt. Christus wird uns zwar in der Taufe und im Evangelium dargeboten, aber wir empfangen ihn dort nicht vollständig, sondern nur zum Teil.
347 L: Was erhalten wir nun mit dem Zeichen des Brotes?
S: Der Leib Christi, der einmal für uns zur Versöhnung mit Gott geopfert wurde, wird uns jetzt so gegeben, damit wir Gewissheit erlangen sollen, dass die Versöhnung zu uns gelangt.
348 L: Und mit dem Zeichen des Blutes?
S: Christus reicht uns sein Blut, so wie er es einmal zur Genugtuung für die Sünden und als Preis für unsere Erlösung vergossen hat, jetzt zum Trinken dar, damit wir den Nutzen, der von dort zu uns gelangen soll, gewahr werden.
349 L: Gemäss deinen Antworten verweist uns also das Heilige Abendmahl des Herrn auf seinen Tod, damit wir dessen Wirkungskraft teilhaftig werden?
S: Ganz und gar. Dort ist jenes einzige und immergültige Opfer gebracht worden, das zu unserem Heil genügt. Es braucht nichts weiter, als dass wir uns daran laben.
350 L: Das Abendmahl ist also nicht zu dem Zweck eingesetzt worden, damit man Gott den Leib seines Sohnes darbringe?
S: Ganz und gar nicht. Er allein, der selbst der ewige Hohepriester ist, hat diese Würde inne. Dies geht auch aus seinen Worten hervor: Nehmet, esset! Dies hat er doch nicht vorgeschrieben, damit wir seinen Leib als Opfer darbringen, sondern damit wir uns von ihm nähren sollen.
Abschnitt 53
351 L: Weshalb brauchen wir zwei Zeichen?
S: Damit hat Gott unserer Schwäche Rechnung getragen, um uns noch freundlicher zu lehren, er sei nicht nur Speise, sondern auch Trank für unsere Seele, damit wir nirgendwo anders als allein bei ihm etwas für unser geistliches Leben suchen.
352 L: Sollen alle ausnahmslos in gleicher Weise von beiden Gebrauch machen?
S: So legt es Christi Auftrag fest. Davon etwas abzuschaffen und Gegenteiliges anzustreben, ist schwerster Frevel.
353 L: Haben wir im Abendmahl nur das Zeichen für die erwähnten Wohltaten, oder wird uns dort die Sache selbst dargeboten?
S: Da unser Herr Christus die Wahrheit selber ist, gibt es gar keinen Zweifel, dass er die Verheissungen, die er uns hier gibt, auch erfüll, und mit den Abbildern die Sache selbst gibt. Ich zweifle nicht daran, dass er uns, wie mit Wort und Zeichen bezeugt, auch seiner Wirklichkeit teilhaftig macht, damit wir mit ihm in eingemeinsames Leben zusammen wachsen.
354 L: Wie kann dies aber geschehen, wenn der Leib Christi im Himmel ist, wir aber noch auf der Erde unterwegs sind?
S: Er bewirkt dies durch die wunderbare und verborgene Kraft seines Geistes, für den es keine Schwierigkeit bedeutet, räumlich Getrenntes und Entferntes zu verbinden.
355 L: Du stellst dir also nicht vor, der Leib Christi sei im Brot eingeschlossen oder das Blut im Kelch?
S: Ganz und gar nicht. Vielmehr meine ich, dass wir, um die in den Zeichen gemeinte Sache zu erlangen, unseren Sinn zum Himmel erheben müssen, wo Christus und von woher wir ihn als Richter und Erlöser erwarten. Ihn in diesen ganz und gar irdischen Elementen zu suchen, ist verkehrt und umsonst.
356 L: Wir können deine Worte also so zusammenfassen: Im Abendmahl sind zwei Dinge beisammen, nämlich Brot und Wein, die mit den Augen gesehen, mit den Händen berührt und mit dem Geschmack wahrgenommen werden, und Christus, durch den unsere Seelen innerlich als mit der ihnen zukommenden Nahrung gespeist werden.
S: Jawohl; und dadurch werden wir wie mit einem Pfand unserer zukünftigen leiblichen Auferstehung vergewissert, da auch der Leib an diesem Zeichen des Lebens teilhat.
Abschnitt 54
357 L: Wie nimmt man nun recht und ordnungsgemäss an diesem Sakrament teil?
S: So wie es Paulus beschreibt: Der Mensch soll sich selber prüfen, bevor er hinzutritt.
358 L: Wonach soll er bei dieser Prüfung fragen?
S: Ob er wirklich ein Glied Christi sei.
359 L: An welchen Anzeichen kann er dies erkennen?
S: Daran, dass er wahre Reue und Glauben hat, seinen Nächsten aufrichtige Liebe entgegenbringt und sein Geist von allem Hass und bösen Absichten frei ist.
360 L: Forderst du vom Menschen Vollkommenheit in Glauben und Nächstenliebe?
S: Beides soll rein und frei von aller Falschheit sein. Freilich würde man vergeblich eine in jeder Hinsicht erlangte Vollkommenheit fordern, die nichts zu wünschen übrig liesse. Dies wird nie in einem Menschen zu finden sein.
361 L: Die Unvollkommenheit, an der wir noch kranken, hält uns also nicht vom Zutritt ab?
S: Im Gegenteil; wenn wir alle vollkommen wären, würde das Abendmahl unter uns überflüssig. Es soll ja als Hilfsmittel zur Stütze für unsere Schwachheit dienen, und zur Hilfe in unserer Unvollkommenheit.
362 L: Haben die beiden Sakramente darüber hinaus keinen weiteren Zweck? S: Sie sind auch Zeichen unseres Bekenntnisses, wie eine Art Erkennungszeichen. Mit ihrem Gebrauch bekennen wir unseren Glauben vor den Menschen und bezeugen, dass wir in Christus eine gemeinsame Überzeugung in Glaubensdingen haben.
363 L: Wenn jemand ihren Gebrauch verschmähen sollet, wofür muss man ihn dann halten?
S: Das wäre eine ausdrückliche Verleugnung Christi. Wer sich so verhält, dass er sich nicht als Christ bekennen will, ist nicht würdig zu ihnen gerecht zu werden.
364 L: Genügt es, beide einmal im Leben empfangen zu haben?
S: Die eine Taufe genügt für immer, so dass eine Wiederholung nicht gestattet ist. Mit dem Abendmahl verhält es sich dagegen anders.
365 L: Worin besteht dieser Unterschied?
S: Durch die Taufe nimmt uns Gott als Kinder an und gliedert uns seiner Kirche ein, um uns von da an als seine Angehörigen zu betrachten. Nachdem er uns in die Zahl der Seinen eingetragen hat, bezeugt er uns durch das Abendmahl, er wolle dafür Sorge tragen, uns immer zu nähren.
Abschnitt 55
366 L: Dürfen alle unterschiedslos Taufe und Abendmahl verwalten?
S: Das ist die besondere Aufgabe der mit dem öffentlichen Predigtamt Betrauten. Es sind zwei untereinander untrennbar verbundene Dinge, die Kirche mit der Lehre des Heils zu nähren und die Sakramente zu verwalten.
367 L: Kannst du mir dies aus der Schrift belegen?
S: Den Taufbefehl hat Christus ausdrücklich den Aposteln gegeben. Bei der Aufteilung des Abendmahls hat er uns geheissen, seinem Beispiel zu folgen. Ausserdem berichten die Evangelisten, er selbst habe bei dessen Austeilung das Amt eines Pfarrers versehen.
368 L: Sollen nun die Pfarrer, denen die Austeilung anvertraut ist, alle unterschiedslos und ohne Auswahl zulassen?
S: In Bezug auf die Taufe, die ja heute nur Kindern gespendet wird, können keine Unterschiede gemacht werden. Beim Abendmahl aber muss sich der Pfarrer davor hüten, es jemandem zu reichen, dessen Unwürdigkeit öffentlich feststeht.
369 L: Warum?
S: Weil es eine Schmähung und Entweihung des Sakraments wäre.
370 L: Hat aber Christus nicht Judas trotz seiner Ruchlosigkeit seiner Gemeinschaft würdig erachtet?
S: Allerdings: aber damals war seine Schlechtigkeit noch verborgen. Wenn sie auch Christus nicht entgangen war, so war sie doch noch nicht ans Licht und zur Kenntnis der Menschen gelangt.
371 L: Was ist mit den Heuchlern?
S: Obwohl sie Unwürdige sind, kann der Pfarrer sie nicht fernhalten. Er muss darüber hinweggehen, bis Gott ihre Nichtswürdigkeit offenbart und den Menschen bekannt macht.
372 L: Und wenn ihm selbst jemand als unwürdig bekannt ist oder angezeigt wird?
S: Auch dies würde nicht zum Ausschluss von der Abendmahlsgemeinschaft genügen, solange die allgemeine Kenntnis und das Urteil der Gemeinde fehlen.
373 L: Es ist also wohl der Mühe wert, eine Ordnung für die Leitung der Kirche aufzustellen.
S: O ja; sonst sind die Kirchen nicht gut beschaffen und nicht recht ausgebaut. Deshalb müssen Älteste gewählt werden, die der Sittenzucht vorstehen und Ärgernisse verhüten sollen. Sie sollen diejenigen von der Teilnahme am Abendmahl ausschliessen, von denen sie wissen, dass sie dazu ganz unfähig sind oder nicht zugelassen werden dürfen, weil dies eine Entweihung des Sakraments bedeuten würde.
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